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Deutsche Rundschau.
Flachseen oder Sümpfe in der Nähe der Küsten liefern Salz; im mittleren Theile (Gegend von Kairuan) wird Salpeter gewonnen; an dem westlichen Theile der Nordküste (Gegend von Tabarka) eine nicht unergiebige Korallenfischerei betrieben; Blei wird in den schon im Alterthum bekannten Minen des Dschebel-er- Resas und bei Baedscha zu Tage gefördert; in der kleinen Syrte werden Badeschwämme und längs der Ostküste ansehnliche Mengen von Polypen, die getrocknet in den Handel kommen, gefangen, und an der Küste der Halbinsel des Cap Bon befindet sich eine der reichsten Thunfischfang-Stationen des Mittelmeers. Im bewaldeten Nordwesten harrt ein reicher Korkeichenbestand der Ausbeutung, und schon im Alterthum berühmte Marmorbrüche sind in neuerer Zeit wieder in Angriff genommen. Längs der ganzen Ostküste blüht eine ausgedehnte Oliven- cultur; im äußersten Süden werden ausgezeichnete Datteln in beträchtlicher Menge gewonnen, und in einem großen Theile des Landes wachsen Orangen, Pistazzien, Mandeln u. s. w. reichlicher als für den Bedarf der Bevölkerung erforderlich ist. Auch dem Weinbau hat man sich neuerdings zugewendet und darf sich der Hoffnung hingeben, daß demselben in Tunesien eine große Zukunft bevorsteht, nur ist man für die Einführung von Reben ganz auf Algerien angewiesen, da der Import derselben aus Europa mit Rücksicht aus die Verbreitung der Phylloxera daselbst untersagt ist.
Die tunesische Industrie ist ^ eine verhältnißmäßig gut entwickelte. In der Hauptstadt werden die sich eines großen Rufes erfreuenden rothen Mützen (Tarbusch, Schaschia) angefertigt; finden sich ansehnliche Webereien in Seide, Wolle und Baumwolle; wird Sammet, Leder, Tuch kunstvoll in Gold und Silber gestickt zu Sätteln, Schuhen, Kleidungsstücken; wird Leder vortrefflich gegerbt, gefärbt und verarbeitet. In der Gegend von Kairuan und im Südwesten des Landes werden weit und breit gesuchte Teppiche gewebt, und die Burnusse von Kef genießen eines bedeutenden Rufes. In den Ortschaften der Ostküste wird Oel gepreßt und Seife fabricirt, und das ganze Blaed ed-Dscherid liefert für den Handel Wollenshawls, bunte Wollendecken von großer Schönheit, Burnusse und Shawls aus Seide und Wolle. Auch die industriösen Bewohner der Insel Dscherba verfertigen alle diese Gegenstände, wenn auch in etwas geringerer Güte, sowie ein im Handel gesuchtes irdenes Geschirr, das in noch besserer Qualität in Nabel fabricirt wird und gleichfalls in den Außenhandel kommt. Die Fabrikation von Waffen und anderen Metallwaaren, die früher auf hoher Stufe stand, ist zurückgegangen, zumal der Bedarf der Araber an Feuerwaffen seit der Occupation der Franzosen sich sehr eingeschränkt hat; nur die tunesischen Gold- und Silberarbeiten haben noch einen guten Ruf.
Tunesien betheiligt sich am innerafrikanischen Handel nur mittelbar, indem es einen Theil seiner vortrefflichen Gewebe und seiner rothen Mützen zum weiteren Export nach Tripolis, Ghadames, Benghasi, Aegypten absetzt. In directer Karawanenverbindung mit den Sudanländern steht Tunis schon lange nicht mehr: die letzten Reste derselben sind erstorben seit der Sklavenhandel hier vor etwa fünfzig Jahren mit sehr schnellem Erfolge abgeschafft wurde. Nur ein Theil der Oasen der nordwestlichen Sahara wird noch mit Burnussen, Halls, Wolldecken von Blaed ed-Dscherid aus versehen.