Heft 
(1891) 66
Seite
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Die Verkehrs- und Handelsverhältnisse Nordafrikas. 267

Somit ist Tunesien in dem Absatz seiner Producte fast ganz aus Europa angewiesen. In fruchtbaren Jahren kann eine ansehnliche Menge Getreide aus­geführt werden, während freilich in trockenen Jahren solches eingeführt werden muß. Alljährlich wird Olivenöl exportirt, Wenn auch die Mengen in den ver­schiedenen Jahren sehr schwanken; doch steht die Fabrikation desselben nicht aus einer so hohen Stufe, daß bei dem großen Zufluß von Oelen auf dem europäischen Markte daraus ein großer Nutzen entspränge. Unter den Baumsrüchten gelangen vorzüglich Datteln zum Export, daneben auch Mandeln, Pistazzien, Granatäpfel, Orangen. Der Export des Halfagrases (Esparto) nach England hatte in früheren Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, doch die Ereignisse des Jahres t 881 (Etablirung des französischen Protektorats) und der Aufruhr der Ein­geborenen in Folge dessen haben diesen Handel sehr gelähmt. Die Cultur von Frühgemüse zur Ausfuhr trägt zwar zum Ausfuhrhandel bei, doch in viel ge­ringerem Grade als der Fall sein könnte. Daß der Tabakbau in neuerer Zeit so stetig zurückgegangen ist, muß lebhaft bedauert werden, denn derselbe gedieh in großer Güte in der Gegend von Baedscha und einigen anderen Ortschaften im Westen der Regentschaft. Der Grund für diese Erscheinung liegt in der Monopolisirung der Producte, denn da es für die Inhaber des Monopols schwierig ist, den Schmuggelhandel an der algerischen Grenze zu überwachen, so ziehen dieselben vor, ihren Bedarf mit ausländischem Tabak zu decken.

Aus dem Thierreiche gelangen lebendige Hausthiere in sehr mäßigen Ziffern zum Export; am meisten Rinder und Schafe. Auch die Ausfuhr von Häuten und Leder, Knochen und Gedärmen hat keinen großen Umfang. Beträchtlicher ist die Quantität der über den Hafen von Ssaks ausgeführten Schafwolle, doch ist ihre Qualität eine geringe. Hingegen gewinnen die im Lande gewebten Seiden-, Wollen- und Baumwollenstoffe einen stetig wachsenden Absatz in Europa- Wie schon erwähnt, liefert das Meer dem Lande werthvolle Ausfuhrartikel. Außer den bereits ausgesührten Korallen, Badeschwämmen, Polypen, Thunfischen, deren Fang verpachtet ist, geben die fischreichen, mit dem Meere in Verbindung stehenden Seen von Bizerta einen erstaunlichen Ertrag von Kleinfischen, die theils frisch dem localen Verbrauch dienen, theils gesalzen und getrocknet in den Handel kommen. Schließlich muß noch erwähnt werden, daß alljährlich eine mäßige Quantität Wachs und Butter zur Ausfuhr gelangt.

An der Einfuhr europäischer Maaren, deren Aufzählung zu weit führen würde, da sie allen Gebieten der Industrie angehören, betheiligen sich vor Allen England (Manschester- und Eisenwaaren) und Frankreich (Wein und Liqueure, Seidenwaaren, Colonialwaaren, Möbel, Luxusartikel); weiterhin Italien, Deutsch­land, Oesterreich-Ungarn, Belgien, Skandinavien, Türkei u. s. w. In den letzten Jahren hat die Betheiligung Deutschlands am tunesischen Handel unzweifelhaft zugenommen, und zwar besonders in farbigen Tuchen aus Sachsen, Solinger und Iserlohner Fabrikaten, Nürnberger Maaren, Elberfelder und Barmener Stoffen. Der Haupthafen für die ungefähr zwanzig Millionen Francs jährlich betragende Einfuhr ist La Goulette; nur geringe Mengen des Imports gelangen über Malta oder direct in die Städte der Ostküste, vorzugsweise Susa und Ssaks.