Heft 
(1891) 66
Seite
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Deutsche Rundschau.

V.

Ebenso günstig gelegen für den Handel mit Europa als Tunesien, und gegenwärtig ebenso verschlossen für den innerafrikanischen Handel ist Algerien*). Diese französische Colonie zerfällt in drei natürliche, der Küste parallele, von Westen nach Osten gestreckte Zonen: die von Ausläufern des Atlas durchsetzte Küstenregion oder das Tell, ein fruchtbares, von kurzen Flußläufen durchzogenes Culturland; südlich davon das steppenförmige, mit nördlichem und südlichem Randgebirge versehene Hochplateau, das sich an den eigentlichen Atlas Marokkos anschließt und in seiner Mitte eine muldenförmige Einsenküng trägt; südlich von diesem endlich die von zahlreichen Oasen durchsetzte, sogenannte algerische Sahara.

Das Tell ist die Gegend des Ackerbaus und der festen Ansiedlungen; die hochgelegene Steppenregion wird von Nomaden und ihren Heerden bewohnt, und die Oasen der algerischen Sahara verhalten sich wie alle Oasen der großen Wüste. Die Gebirgsgegenden sind von seßhaften Berbern bewohnt, die Steppen von reinen oder mit berberischen Elementen vermischten nomadischen Arabern (Be­duinen), die Oasen der Wüste von libyscher Bevölkerung. Die Einwohnerzahl beläuft sich für Algerien auf gegen drei Millionen, von denen etwas mehr als eine halbe Million auf die Europäer entfällt. Diese sind zu zwei Dritteln Fran­zosen; der Rest setzt sich in absteigender Linie aus Spaniern, Italienern, Mal­tesern, Deutschen (Elsässern), Schweizern, Türken zusammen.

Die Landesproducte aus dem Pflanzenreich sind vor Allen Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Sorghum), Oliven, Hülsenfrüchte, Frühgemüse, Wein, Tabak, Baumwolle, Flachs, Raps, Safran, Ricinus, Halfagras, Datteln, Korkeichen u.s. w. Das Thierreich liefert Pferde und Maulthiere für den französischen Bedarf, Blut­egel, Schafwolle, Häute und Felle, Korallen, Fische, Seide und in neuerer Zeit, wo die Straußenzucht betrieben wird, eine immer wachsende Menge von Strauß­federn. Der mineralische Reichthum des Landes ist ziemlich bedeutend und liefert: Marmor, Alabaster, Granit, Ziegelerde, Gyps, lithographische Steine; ferner von Metallen Eisen und Kupfer, Blei, Zink, Antimon, Quecksilber, Arsenik, Nickel u. a. Auch an warmen Mineralquellen ist das Land reich. In dem zum Lande gehörigen Theile der Wüste hat man die Productionskraft der Oasen durch die Anlegung zahlreicher artesischer Brunnen gehoben. Die Industrie steht nicht eben auf hoher Stufe; sie liefert Gewebe, Korbgeflechte und Montanwaaren.

Für den Handel liefert Algerien vorwaltend Rohproducte, welche gegen die Industrie-Erzeugnisse Frankreichs und anderer europäischer Länder, besonders Englands und Spaniens, ausgetauscht werden. Exportirt werden vorzüglich: Getreide, Mehl, Tabak, Olivenöl, Frühgemüse, Wein, Halfagras, Korke, Schaf­wolle, Straußfedern, Metalle, Marmor u. f. w., im Ganzen für ungefähr hundert­fünfzig Millionen Francs jährlich. Der Import findet zum größten Theile (zu 2/33/^ ^s Frankreich statt, das alle Arten von Geweben, alkoholische

0 An dieser Stelle von Nachtigal's, aus der Mitte der achtziger Jahre stammenden Arbeit, wird sich unseren Lesern ein interessanter Vergleich darbieten mit den Ergebnissen und Beobachtungen der Reise durch Algerien, welche Professor Ernst Haeckel im Frühjahre 1890 unternommen, und in dieser Zeitschrift ganz kürzlich erst beschrieben hat. Wir verweisen einfach darauf:Algerische Erinnerungen" von Ernst Haeckel, Deutsche Rundschau, 1890. Bd-ll-XV, S.19ff. und S. 216 ff.