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Deutsche Rundschau.
sind bis jetzt ohne Erfolg geblieben. In Folge dessen ist seit einigen Jahren in Frankreich und Algerien das Project, die Kolonie durch einen Schienenweg quer durch die große Wüste mit den Nigerländern zu verbinden, vielfach erörtert und empfohlen worden. Dieser Schienenweg, der eine Länge von ungefähr drittehalb- tausend Kilometer haben würde, sollte mit einer gleichzeitig vom Senegal zum Niger hin zu erbauenden Eisenbahn verbunden werden und das ganze nordwestliche Afrika bis zum Golf von Guinea wirthschaftlich für Frankreich erobern. Von Algerien und von Senegal wurden von der Regierung gleichzeitig Expeditionen zum vorläufigen Studium des Terrains und der zu berührenden Völkerschaften ausgesendet, die Hunderttausende gekostet und nur zum geringen Theil ermuthigende Resultate geliefert haben.
Für den die Sahara betreffenden Theil dieses umfassenden Planes kann kaum bezweifelt werden, daß die ungeheuren Schwierigkeiten, welche von Seiten der Natur des Landes dem Unternehmen entgegenstehen, technisch überwindbar sein würden. Es handelt sich in dieser Beziehung um die Dünenregionen, welche die einzige Terrainschwierigkeit darbieten würden, um die Sicherstellung dev Bahn vor Versandung, und um die Beschaffung von Wasser und Kohlen. Mit Ausnahme der Sicherstellung vor den Dünen, welche noch einigermaßen zweifelhaft erscheint, ist die Ueberwindung der angeführten Schwierigkeiten nur eine Frage der Mittel, und Frankreich würde bei sonst guten Aussichten geneigt sein, ein großes Geldopfer zu bringen. Aber andere Hindernisse und Erwägungen müssen gewichtige Bedenken gegen das Project wach rufen. Wie es schwer halten würde, Arbeiter zur Herstellung des Bahnkörpers u. s. w. zu bekommen, da weder Klima noch sonstige Lebensbedingungen dem Europäer auch bei hohem Lohne verlockend genug erscheinen dürften, so würde es noch weit schwieriger sein, die Zustimmung der Eingeborenen, der Herren der Wüste, zu dieser Unternehmung zu erhalten, geschweige denn, die Betheiligung derselben an den Arbeiten zu gewinnen. In der That liegt hier das Haupthinderniß für die Realisirung des Planes. Wie weit der Widerstand der kriegerischen Tuarik gehen würde, läßt das beklagenswerthe Ende der Flatters'schen Expedition ahnen; und wie geringe Aussichten eine gewaltsame Bekämpfung dieses Widerstandes eröffnen würde, das hat Frankreich oft genug bei der Niederwerfung der vergleichsweise unbedeutenden Aufstände in der algerischen Sahara erfahren. Es ist Thorheit, zu glauben, daß die Tuarik oder Sudanesen die ihnen aus einer transsaharischen Eisenbahn zu erhoffenden Vortheile begreifen sollten. Jene wissen Wohl, daß es mit ihrer Beherrschung des weiten Saharagebietes, mit ihrem freien Leben im weiten Raum zu Ende sein würde, und diese ahnen, daß sie nach der Verwirklichung des Planes nicht mehr wie jetzt für ihre Verhältnisse große Kaufleute sein, sondern mehr und mehr zum Nutzen Fremder arbeiten und in Abhängigkeit von denselben gerathen würden. Beide müssen naturgemäß dem Projecte feindselig gegenüberstehen.
Aber selbst wenn man alle diese Hindernisse überwinden könnte, so würde doch der augenscheinliche Mangel an Rentabilität das Unternehmen verurtheilen. Es ist sehr schön und nützlich, die natürliche Productionskraft eines Landes durch Schaffung von Absatzwegen zu heben, aber diese zu schaffen, ehe jene auch nur