Heft 
(1891) 66
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Die Verkehrs- und Handelsverhältnisse Nordafrikas.

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entfernt im Stande ist, sich ihrer zu bedienen, erscheint thöricht- Diejenigen Products, deren Werth einen Eisenbahntransport rechtfertigt, werden in so ge­ringer Menge gewonnen, daß wenige Züge genügen würden, die Ausbeute eines Jahres aus den betreffenden Ländern nach Norden zu schaffen. Die gewöhnlichen Erzeugnisse des Ackerbaues und der Industrie aber können die Kosten eines Eisenbahntransports nicht ertragen. Jene werthvolleren Güter (Elfenbein und Straußfedern) können überdies nicht nach Willkür vermehrt werden, sondern werden mit der Zeit an Menge abnehmen, und ehe die ackerbauliche und indu­strielle Production, selbst auf eine so gewaltige Anregung hin, wie eine Eisen­bahn darstellt, eine dieser entsprechende Umgestaltung erfahren könnte, würden die aufgewendeten Capitalien einen solchen Verlust darstellen, daß die Unter­nehmung für die Privatindustrie eine verderbliche sein und jede Regierung es beklagen müßte, öffentliche Mittel für sie verwendet zu haben.

VI.

Das westlichste der Atlasländer, das überaus günstig zwischen dem Mittel­meer und dem atlantischen Ocean gelegene Kaiserreich Marokko, hat an der Transformation, welche die übrigen nordafrikauischen Küstenländer durch den übermächtigen Einfluß des Verkehrs mit Europa und den Europäern erlitten haben, am wenigsten Theil genommen. Es wird noch in alter Weise von dem unbeschränkten, durch kein Ministerium, durch keinen Staatsrath in der Aus­übung seiner Machtvollkommenheit beeinträchtigten Sultan regiert, welcher gleich­zeitig auch die religiöse Wahrheit, die dem Sultan der Türkei sonst für die mohammedanische Welt zuerkannt wird, in seinem Lande beansprucht.

Der Flächeninhalt des Landes ist schwer anzugeben, da die Südgrenze des Landes ganz unbestimmt ist. Die Bevölkerung kann aus fünf bis sechs Millionen Seelen geschätzt werden, von denen nur etwa eine halbe Million auf die Gegend südlich vom Atlas entfallen dürfte, und besteht aus Berbern, Mauren, Arabern, Juden und Negern.

Marokko ist reich an fruchtbarem Boden, der unter einem, durch die Con- currenz zweier Meere und die gegen Süden schützenden Berge des Atlas ge­mäßigten Klima eine kräftige Vegetation erzeugt und einen beachtenswerten Zuschuß an Getreide für den Bedarf von Europa liefern könnte, wenn das Land dichter bewohnt und besser cultivirt wäre. Die Bodenerzeugnisse sind diejenigen Algeriens. Außer dem Getreide (Weizen, Mais, Gerste, Sorghum) werden Reis, Hülsenfrüchte, Baumwolle, Hanf und Flachs, Oliven, Safran und Henna (Ou^soniu ineimüs), Wein und Südfrüchte, Halfagras auf den Steppen, Datteln in den Oasen gewonnen. In seinen Gebirgsgegenden ist es durch einen reichen Holzbestand (Nutzholz) ausgezeichnet und durch den Arganbaum (Llaeoäsnclron urgun), der eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung hat, da aus seinen Früchten ein auch an Stelle des Olivenöls verwendetes Oel gepreßt wird. Das Thierreich liefert Schafe und Ziegen. Pferde und Maulthiere, Kameele und Rindvieh, Wild, Bienen, Blutegel. Aus dem Mineralreiche finden wir vor Allem Kupfer, seit alten Zeiten dort bekannt; ferner Eisen, Antimon, Schwefel, Salz und Salpeter. Auch Gold und Silber sind vorhanden, werden aber kaum regelmäßig gewonnen.

Deutsche Rundschau. XVII, 5. 18