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Deutsche Rundschau.
scheiden müsse; vom privaten Standpunkt aus sei solch „Ausgeschlossensein" etwas tief Betrübliches und beinah Tragisches', ein ausgeschlossener König aber sei ganz unstatthaft, ja dürfe gar nicht Vorkommen, und wenn die Geschichte dennoch dergleichen berichte, so begäbe sie sich eben ihrer Hoheit und Würde und gerathe in das hinein, was er Wohl oder übel „kleinen Stil" genannt habe.
„Er zieht sich gut heraus," sagte die Prinzessin. „Nun, Ebba, führe Deine Sache weiter."
„Ja, gnädigste Prinzessin, das will ich auch, und wenn ich es als ein deutsches Fräulein vielleicht nicht könnte, so kann ich es doch als eine reine Skandinavin."
Alles erheiterte sich.
„Als eine reine Skandinavin," wiederholte Ebba, „natürlich mütterlicherseits, was immer das Entscheidende ist; der Vater bedeutet nie viel. Und nun also unsere These. Ja, was Graf Holk da sagt... nun ja, von seinem schleswig- holstein'schen Standpunkt aus mag er Recht haben mit seiner Vorliebe für das Große. Denn sein Protest gegen den kleinen Stil bedeutet doch natürlich, daß er den großen will. Aber was heißt großer Stil? Großer Stil heißt so viel, wie Vorbeigehen an Allem, was die Menschen eigentlich interessirt. Christine Munk interessirt uns, und ihre Verstimmung interessirt uns, und was dieser Verstimmung an jenem denkwürdigen Abend folgte, das interessirt uns noch viel mehr..."
„Und am meisten interessirt uns Fräulein Ebba in ihrer übermüthigen Laune ..."
„Von der ich in diesem Augenblicke vielleicht weniger habe als sonst. So weit ich ernsthaft sein kann, so weit bin ich es. Jedenfalls aber behaupte ich mit jedem erdenklichen Grade von Ernst und Aufrichtigkeit und will in jeder Mädchenpension darüber abstimmen lassen, daß König Heinrich VIII. mit seinen sechs Frauen alle Concurrenz ,großen Stils' aus dem Felde schlägt und nicht wegen der paar Enthauptungen, die finden sich auch anderswo, sondern wegen der intrikaten Kleinigkeiten, die diesen Enthauptungen vorausgingen. Und nach Heinrich VIII. kommt Maria Stuart, und nach ihr kommt Frankreich mit seiner Fülle der Gesichte, von Agnes Sorel an bis auf die Pompadour und Du- barry, und dann kommt Deutschland noch lange nicht. Und als Allerletztes kommt Preußen, Preußen mit seinem großen Manco auf diesem Gebiet, mit dem es auch zusammenhängt, daß einige Schriftstellerinnen von Genie dem großen Friedrich ein halbes Dutzend Liebesabenteuer angedichtet haben, Alles nur, weil sie ganz richtig fühlten, daß es ohne dergleichen eigentlich nicht geht."
Pentz nickte zustimmend, während Holk den Kopf hin und her wiegte.
„Sie drücken Zweifel aus, Graf, vor Allem vielleicht einen Zweifel an meiner Ueberzeugung. Aber es ist, wie ich sage. Großer Stil! Bah, ich weiß Wohl, die Menschen sollen tugendhaft sein, aber sie sind es nicht, und da, wo man sich d'rin ergibt, sieht es im Ganzen genommen besser aus als da, wo man die Moral bloß zur Schau stellt. Leichtes Leben verdirbt die Sitten, aber die Tugendkomödie verdirbt den ganzen Menschen."
Und als sie so sprach, fiel aus einer der die Tafel umstehenden Tannenbäumchen ein Wachsengel nieder, just da, wo Pentz saß. Der nahm ihn auf