Heft 
(1879) 26
Seite
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wbeodor Montane in Berlin.

Aber bald waren sie's müd', und sie gingen tiefer in die hoch in Gras stehende, mit Ranunkeln und rothem Ampfer überfäte Wiese hinein, bis sie zuletzt an einen niedrigen mit Werft und Weiden besetzten Erdwalt kämm, der sich quer durch die weite Wiesenlandschaft zog. Auf der Höhe dieses Walles lag ein Feldstein von absonderlicher Form und so dicht mit Flechten überwachsen, daß sich ein Paar halbverwitterte Schristzeichen daran nur müh­sam erkennen ließen. Und aus diesen Feldstein setzten sie sich.

Was bedeutet der Stein?" sagte Grete.

Ich weiß es nicht. Vielleicht ein Weudengrab."

Wie denn?"

Weißt Du denn nicht? Dies ist ja das Feld, wo die große Tanger­schlacht war. Heiden und Christen. Und die Christen siegten. Und zu beiden Seiten des Erdwalls, auf dem wir hier sitzen, vor uns bis dicht an den Wald und hinter uns bis dicht an den Fluß, liegen sie zu vielen Tausenden."

Ich glaub' es nicht. Und wenn auch, ich mag nicht davon hören. Auch nicht, wenn die Christen siegten, wie Du sagst . . . Aber sieh, wie schön." Und dabei zeigte sie mit der Hand aus die vor ihnen ausgebreitete Landschaft, die sie jetzt erst, von dein hochgelegenen Stein aus, mit ihrem Blick umfassen konnten. Es war dasselbe Bild, das sie letzten Herbst schon von der Burg und dem Gemäuer aus vor Augen gehabt hatten, nur die Dörfer, die damals mit nichts andrem, als ihren Kirchthurmspitzen aus dem Schattenstriche des Waldes hervorgeblickt, lagen heute klar und deutlich vor ihnen, und die Strohdächer mit ihren Storchennestern ließen sich überall erkennen.

Weißt Du, wie die Dörfer heißen?" fragte Grete.

Gewiß, weiß ich's. Das hier rechts ist Buch, wo der Herr von Buch lebte, der einen Schatz in unsrer Tangermünder Kirche viele Jahre lang ver­borgen Hielt, um ihn zuletzt als . Lösegeld für seinen Herrn Markgrafen zu zahlen. Denn die Magdeburger hatten ihn gefangen genommen. Und er hieß Markgraf Otto. Otto mit dem Pfeil. Ein schöner Herr und sehr ritterlich, und war ein Dichter und liebte die Frauen. Weißt Du davon?"

Nein . . . Aber hier das Dorf mit dem blanken Wetterhahn?"

Das ist Fischbeck."

Ach, das kenn' ich. Da wohnt ja der alte Pfarr . . . aber nun Hab' ich seinen Namen vergessen. O, von dem weiß ich. Der war eines Fischbecker Bauern Sohn und sollte seines Vaters Pferde hüten. Aber er wollt' es nicht und lief ihn: fort, denn er wußt' es bestimmt in seinen: Herzen, daß er ein Geistlicher und ein frommer Mann werden müsse. Und er wnrd' es auch, und nun hütet er am selben Ort sein Amt und seine Gemeinde. Und sein alter Vater hat es noch erlebt."

Aber Grete, woher weißt Du nur das alles? Die Geschichte von der großen Tangerschlacht und von dein Tangermünder Schatze, die weißt Du nicht, und die von dem Fischbecker Pastor weißt Tu so genau!"