Heft 
(1879) 26
Seite
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6. Ehrlich in Berlin.

stehen, wirken bei deren Beurtheilung in hohem Grade mit. Aber der Componist hat einen andern Weg: der Moment ist sür ihn nicht entscheidend; zwar wird das Publicum das Bedeutende und Schöne eines Werkes immer ahnen, aber ses je ganz erkennen, wird kaum der Fachmann; selbst dieser' bedarf noch eines zweiten Anhörens, um sein Urtheil ganz festzustellen; der gewissenhaftes Kritiker wird nach dem unmittelbaren Eindruck seine endgiltige Meinung nicht aussprechen, sondern sich mit dem Werke vertrauter machen. Auch ist die Persönlichkeit des Componisten von bei weitem geringerem Einflüsse aus den Erfolg, als bei dem Virtuosen. Die Freunde und Verehrer können zwar Vieles zum Erfolge beitragen, aber nur zu einem rein örtlichen; in der nächsten Stadt entscheidet ein Publicum über das Werk, das den Componisten nicht sieht, vielleicht gar nicht kennt. Allerdings sind die Parteien von Bedeutung; durch sie kann, wie wir schon angedeutet haben, das Schöne weit gepriesen, das Schwache verdeckt werden, aber Parteien haften am Principe mehr als an der Persönlichkeit. Wagner hat sich eine Partei durch seine Schriften gebildet, aber auch durch seine Opern. Es wäre thöricht, jenen allein seine immensen Erfolge zuzuschreiben, ja es ist sogar hier festzustellen, daß ohne jene Schriften die Bildung einer Gegenpartei, die sich um Brahms schaart, gar nicht oder nur in einem viel schwächeren Maße stattgefunden hätte. Brahms selbst wirkt nur durch seine Werke man kann von ihm gewiß nicht behaupten, daß er seine Person in den Vordergrund stellt, seine Partei kämpft unter seinen: Namen gegen die neudeutsche Schule, aber nicht unter seiner Anführung. Für Rubinstein wirkt allerdings eine Partei nicht und schon aus dein einfachen Grunde, weil er selbst ein ausgesprochenes Princip nicht befolgt und weil mit seiner Doppelthätigkeit, seiner großartigen Virtuosität, seiner dämonischen Natur das konsequente Befolgen und Durchführen eines ausschließlichen Principes von vornherein gar nicht vereinbar ist. Er über­läßt sich als Componist ebenso dem vulkanischen Ausbruche seiner genialen Natur, die oft Feuersäulen und Asche zu gleicher Zeit emporschlendert, wie als ausübender Künstler. Hier jedoch ist die so mächtige Natürlichkeit von über­wältigender Wirkung, dort dagegen manchmal von störender, verwirrender. In der schaffenden Kunst ist eine gewisse Selbstkritik unerläßliche Bedingung; der Tondichter kann selbstverständlich nicht beurtheilen ob seine Melodie und Harmonie schön und originell sind oder nicht; aber er kann beurtheilen, ob die Durchführung seiner Gedanken eine musikalisch-logische ist, ob die Themata als Gegensätze wirken, oder nur als ein Nebeneinander, ob sie entwickelt sind oder nicht; solches Ilrtheil kann der Musiker über sich füllen; er befindet sich bis zu einem gewissen Grade in besserer, freierer Stellung seinen: Werke gegenüber, als der dichtende oder bildende Künstler. Ich will

durchaus nicht behaupten, daß Rubinstein eine solche Selbstkritik nicht übt, oder nicht üben will, glaube jedoch, daß er sie bei der so groß­artig entwickelten Doppelthätigkeit nicht immer üben kann. Er selbst

hat in früheren Zeiten oftmals die Absicht geäußert, als Concertgeber so