Die Lectüre des Kindes,
Theilnahme so rege, dass wir, ohne abzusetzen, einer um den andern lasen, und dass uns die Nächte unter dieser Beschäftigung hingingen. Wir konnten niemals aufhören, ehe wir nicht den Band zu Ende gebracht hatten. Manchmal sagte mein Vater, wenn er morgens die Schwalben hörte, ganz beschämt: Komm zu Bette, ich bin mehr Kind als du“. Gewiss, ein recht unverständiges Betragen auf der einen und eine ganz wunderbare Frühreife auf der anderen Seite! Man erstaunt noch mehr, wenn man von dem Inhalte der Bücher hört. Den Anfang machten Romane. Rousseau hebt hervor, dass er dabei in Gefühlen schwelgte, die ihm eigentlich ganz unverständlich waren, dass er über die eingebildeten Unglücksfälle seiner Helden mehr Thränen vergoss, als er über die eigenen später geweint habe, und er glaubt, dass er sich in dieser Kinderzeit romanhafte Auffassungen angeeignet habe, von denen ihn später die Erfahrung nie recht heilen konnte.„Die Romane gingen mit dem Sommer 1719 zu Ende. Im folgenden Winter kam es anders... Lesueur’s Kirchen- und Reichsgeschichte, Bossuet’s Vortrag über die allgemeine Geschichte, Plutarch’s Lebensbeschreibungen, Nani’s Geschichte von Venedig, Ovid’s Metamorphosen, La Bruyere, Fontenelle und einige Bände von Moliere...“ Man denke ein sieben- bis achtjähriges Kind! Am meisten liebte Rousseau den Plutarch.„Ich bildete mir ein, Grieche oder Römer zu sein. Ich war der Held, von dem ich las. Wenn Züge von Standhaftigkeit und Muth vorkamen, die mich lebhaft ergriffen, so funkelten meine Augen und ich las mit starker Stimme. Eines
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