Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
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Geschlechtliche Abweichungen.

ziemlicher Sicherheit auf eine abnorme seelische Be­schaffenheit schliessen kann. Nach drei Richtungen hin pflegt jene Abnormität sich zu äussern, in einem ungewöhnlich frühen Erwachen, in einem gewissen Missverhältnisse zwischen Wunsch und Vermögen und in der vom Normalen abweichenden Form der Be­friedigung. Alle drei Umstände finden wir bei Rousseau vor. Der neun- bis zehnjährige Knabe empfindet leb­haft sinnliche Lust. Rousseau selbst schreibt sichein = fast von der Geburt an durch Sinnlichkeit glühendes Blut zu. Er wird nicht müde, von der Entflammbar­keit seiner Natur, von der alle Besinnung raubenden = Heftigkeit seiner Wünsche zu sprechen, und in der That spielt sowohl im Leben als in den Werken Rous­seaus der Geschlechtstrieb eine so bedeutende Rolle, dass der gesunde Geschmack oft dadurch verletzt wird. Der ausschweifenden Phantasie entsprachen aber keine thätlichen Ausschweifungen. Im Gegentheile scheint, soweit wie man aus Rousseaus Angaben schliessen kann, das eigentlich körperliche Bedürfniss jederzeit ziemlich rasch Befriedigung gefunden zu haben. Auch entsagte Rousseau verhältnissmässig früh im Leben dem geschlechtlichen Umgange. Wenn es, wie oben bemerkt wurde, kennzeichnend ist, dass bei krankhaften Naturen sehr oft die Form der Geschlechtsbefriedigung abnorm ist, so ist doch die jeweilige Richtung des abnormen Triebes vielfach von zufälligen Umständen bestimmt. So auch bei Rousseau. Er erzählt, dass er zuerst sinnliche Gefühle hatte, als die etwa dreissig­jährige Schwester des Pastor ihn einmal züchtigte, wie

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