Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
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Geschlechtliche Abweichungen.

denen, die dem Gerichtsarzte als Exhibitionisten be­kannt sind. Die Gutmüthigkeit des von der erzürnten Weiblichkeit angerufenen Polizeimannes verhinderte schlimmere Folgen. Rousseau selbst betont, dass an seiner seltsamen Geschmacksverirrung hauptsächlich die ihm zu Theil gewordene sehr keusche Erziehung und seine übergrosse Schüchternheit Schuld gewesen seien, die bewirkten, dass er bis zu seinen Jünglingsjahren keine deutliche Vorstellung vom Geschlechtsacte hatte und sich ihn als etwas Unerhörtes, ja Widerwärtiges vorstellte. Diese Bemerkungen enthalten gewiss Rich­tiges, aber die allgemeine Erfahrung und die That­sachen des späteren Lebens Rousseaus selbst be­weisen, dass die Hauptsache seine von Haus aus ab­norme Natur war. Die Neigung, sich der Geliebten zu unterwerfen und ihr Sklavendienste zu thun, ja sich von ihr misshandeln zu lassen und dies wollüstig zu empfinden, ist bekanntlichvon Krafft-Ebing als Masochis­mus geschildert worden. Die stark krankhafte Form besteht darin, dass die Misshandlung den natürlichen Geschlechtsverkehr ersetzt. Aehnliche Formen wie bei Rousseau sind nicht allzu selten und die Gelegenheit­ursache scheint auch oft dieselbe wie bei Rousseau zu sein. Einer meiner Patienten war als achtjähriges Kind von einem erwachsenen üppigen Mädchen a poste­riori behandelt worden, und obwohl er ein pflicht­getreuer Ehemann war, wünschte er noch als vierzig­jähriger Mann sehnlich und umsonst, wieder so etwas zu erleben. Wie bei anderen krankhaften Menschen trat auch bei Rousseau nach erlangter Reife nicht das