Annecy.
in der lateinischen Sprache und lehrte ihn das Italienische in seiner Reinheit kennen. Offenbar hatte man die Absicht, in Rousseau dem Hause eine Art von Secretär, der in der diplomatischen Laufbahn zu verwenden wäre, zu erziehen. Eine Zeit lang ging alles gut, aber das Schicksal und Rousseau’s Leichtsinn hatten andere Pläne als der wohlmeinende Graf Gouvon. Im Verkehre mit einem Genfer Leichtfusse vernachlässigte Rousseau seine Pflichten, die Drohung der Entlassung erweckte ihm nur den Gedanken an lustige Reisen sowie an Frau von Warens, und da der Sünder, unverbesserlich zu sein schien, wurde er wirklich fortgeschickt.
Mit leichtem Muthe wurde die Rückreise angetreten, und mit leichter Tasche, aber für seine Jahre reich an Erfahrungen kam Rousseau in Annecy wieder an. Frau von Warens nahm ihn gütig auf und behielt ihn bei sich. Nun begann für Rousseau eine glückliche Zeit: in innigem Verkehre mit der anmuthigen Beschützerin, die‘ er zugleich als Sohn und als Liebhaber liebte, durch ihre Berührung beglückt, und doch ihren Besitz nicht verlangend, lebte er frei in einer schönen Gegend, durch allerhand Beschäftigungen bald unterhalten, bald unterrichtet. Frau von Warens wollte ihn einer nützlichen Thätigkeit zuführen und liess seine Fähigkeiten durch einen kenntnissreichen Mann prüfen. Dieser gab sein Urtheil dahin ab, Rousseau’s Begabung sei sehr gering, sie reiche höchstens für einen Dorfpfarrer aus. Rousseau selbst führt diesen Irrthum sehr richtig darauf zurück, dass bei ihm trotz der Heftigkeit der Empfindungen und trotz der Raschheit der intuitiven Auf