Rousseau’s Jugend.
fassung die Formirung der Gedanken langsam war. Der Mangel an sogenannter Geistesgegenwart hat ihn während seines ganzen Lebens gehemmt, hat ihn dazu veranlasst, in der Hauptsache dem mündlichen Verkehre den schriftlichen vorzuziehen, und die Einsamkeit der Gesellschaft. Langsam wuchs in ihm der Gedanke, er war stets beredt mit der Feder, selten mit dem Munde, und während er im Treiben der Welt unterlag, siegte er durch seine in der Stille vollbrachte Arbeit. Dass in einer derartigen Beschaffenheit etwas Pathologisches liegt, das mag zugegeben werden. Wohl kenne ich geistig hochstehende Menschen, die in diesem Punkte Rousseau gleichen und zugleich wie er neuropathische Naturen sind. Nicht der Mangel an Geistesgegenwart allein lässt solche Menschen die Einsamkeit lieben, kräftiger noch wirken in der gleichen Richtung die gesteigerte Ermüdbarkeit gegenüber den Anforderungen der Gesellschaft und die vermehrte Empfindlichkeit gegen Rohheiten aller Art. Die reizbare und leicht erschöpfte Seele verlangt vor Allem nach Ruhe und deshalb nach relativer Einsamkeit. Der „Menschenhass“, von dem in solchen Fällen einfältige Gesellschaftmenschen reden, spielt dabei gar keine Rolle, und Niemand war entfernter von ihm als der weichherzige und liebreiche Rousseau.
Also, Rousseau sollte Dorfpfarrer werden und wurde deshalb in ein geistliches Seminar geschickt. Während er darin war, wurde er zwar nicht zum Theologen, wohl aber entwickelte sich in dieser Zeit bei ihm eine überaus leidenschaftliche, auf natürliche Be