Rousseau’s Jugend.
aber sie verkaufte sie nicht“.„Ihre Beweggründe waren löblich, selbst noch in dem, worin sie fehlte“.„Sie verabscheute Doppelzüngigkeit und Lüge: sie war billigdenkend, gerecht, menschlich, uneigennützig, getreu ihrem Worte, ihren Freunden, allen Pflichten, die sie als Pflichten erkannte, unfähig, sich zu rächen und zu hassen“.„Es gab für sie nur Eine wahre Freude auf der Welt, Denen Freude zu machen, die sie liebte“. Ausser der Güte des Herzens besass diese vornehme und hübsche Frau Grazie, unerschütterliche Heiterkeit, Scharfsinn und vielseitige Kenntnisse. Fürwahr, eine wunderbare Erscheinung! Jedes ehrbare Weib wird sie instinctiv verurtheilen, und wirklich können in gewissem Sinne alle Tugenden eines Menschen bei einer Frau den Mangel der Geschlechtstugend nicht ersetzen. Frau von Warens war sozusagen zu viel Mensch, zu wenig Weib. Da sich zu ihrem Empfindungsdefect noch ein grosser wirthschaftlicher Leichtsinn gesellte, ist die einsame Frau schliesslich in Armuth und Schande zu Grunde gegangen. Mag man über Frau von Warens so oder so denken, begreiflich ist es, dass sie auf Rousseau’s geistige Entwickelung einen tiefgehenden Ein!uss ausübte. Wenn keinen andern, so hatte Rousseau von der gesteigerten Intimität ihrer Beziehungen doch den Vortheil, dass sich die Freundin auch in geistiger Beziehung ihm ganz hingab und ihn zum Vertrauten all ihrer Erfahrungen und Gedanken machte. Er lernte denn auch fleissig und suchte seinen Geist im innigen Verkehre mit der liebenswürdigen geliebten Frau nach Kräften auszubilden. Auch machte er zu dieser Zeit