Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
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Rousseaus Jugend.

aber sie verkaufte sie nicht.Ihre Beweggründe waren löblich, selbst noch in dem, worin sie fehlte.Sie ver­abscheute Doppelzüngigkeit und Lüge: sie war billig­denkend, gerecht, menschlich, uneigennützig, getreu ihrem Worte, ihren Freunden, allen Pflichten, die sie als Pflichten erkannte, unfähig, sich zu rächen und zu hassen.Es gab für sie nur Eine wahre Freude auf der Welt, Denen Freude zu machen, die sie liebte. Ausser der Güte des Herzens besass diese vornehme und hübsche Frau Grazie, unerschütterliche Heiterkeit, Scharfsinn und vielseitige Kenntnisse. Fürwahr, eine wunderbare Erscheinung! Jedes ehrbare Weib wird sie instinctiv verurtheilen, und wirklich können in ge­wissem Sinne alle Tugenden eines Menschen bei einer Frau den Mangel der Geschlechtstugend nicht ersetzen. Frau von Warens war sozusagen zu viel Mensch, zu wenig Weib. Da sich zu ihrem Empfindungsdefect noch ein grosser wirthschaftlicher Leichtsinn gesellte, ist die einsame Frau schliesslich in Armuth und Schande zu Grunde gegangen. Mag man über Frau von Warens so oder so denken, begreiflich ist es, dass sie auf Rous­seaus geistige Entwickelung einen tiefgehenden Ein­!uss ausübte. Wenn keinen andern, so hatte Rousseau von der gesteigerten Intimität ihrer Beziehungen doch den Vortheil, dass sich die Freundin auch in geistiger Beziehung ihm ganz hingab und ihn zum Vertrauten all ihrer Erfahrungen und Gedanken machte. Er lernte denn auch fleissig und suchte seinen Geist im innigen Verkehre mit der liebenswürdigen geliebten Frau nach Kräften auszubilden. Auch machte er zu dieser Zeit