Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
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Rousseaus Jugend.

der Arterien war schrecklich, das Herzklopfen häufiger, ich fühlte mich stets beklemmt und meine Schwäche wurde endlich so gross, dass ich mich kaum bewegen konnte, bei raschem Gehen zu ersticken glaubte, bei jedem Bücken schwindelig wurde, nicht die kleinste Last zu erheben vermochte. Ich war zu Unthätigkeit gezwungen, der grössten Qual für einen Menschen, der so ruhelos ist wie ich. Sicher hatten an alledem Va­peurs*) einen grossen Antheil. Die Vapeurs sind die Krankheit der glücklichen Leute, sie waren die meinige. Die Thränen, die ich oft, ohne jeden Grund zum Weinen, vergoss, das heftige Erschrecken beim Fallen eines Blattes oder bei dem Auffliegen eines Vogels, die Ungleichheit der Stimmung trotz der Ruhe des sanftesten Lebens, dies alles deutete auf jenen Ueber­druss des Wohlseins, in welchem sozusagen die Em­pfindlichkeit überspannt wird.

Zum Unglücke begann Rousseau nun auch noch Physiologie und Anatomie zu treiben, und medicinische Bücher zu lesen. Er glaubte natürlich jeden Tag an eine neue Krankheit und verfiel schliesslich darauf, er habe einen Herzpolppen. Da er nun hörte, ein Arzt in Montpellier habe einmal einen Kranken von einem Herzpolypen befreit, machte er sich ohne Wei­teres auf den Weg nach Montpellier.Ich hatte nicht nöthig, soweit zu reisen, um den Arzt zu finden, den ich brauchte. Er machte nämlich unterwegs die Bekannt­

*) Mit dem Ausdrucke Vapeurs bezeichnete man nervöse Zustände, die man heutzutage, je nachdem, Nervosität, oder Hypochondrie, oder Hysterie nennt.