Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
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Rousseaus Jugend.

nie an Husten oder dergl. gelitten hat, und dass bei der Section seine Lungen vollständig unversehrt ge­funden worden sind. Ueber die angebliche Hämoptysis lässt sich nichts Bestimmtes sagen. Man kann an hysterische Blutungen denken, es kann aber auch ein Irrthum Rousseaus vorliegen. Was es mit dem Fieber auf sich hat, das geht schon aus der Angabe des beinahe sechzigjährigen Verfassers der Bekenntnisse hervor, er sei es nie wieder ganz los geworden. Nach der jetzigen Ausdrucksweise würde man die Krankheit Rousseäus wohl alsNeurasthenie bezeichnen. Es handelt sich um ein chronisches Leiden, das sich bei einem bis dahin im Wesentlichen gesunden, aber nervösen dreiundzwanzigjährigen Jüngling entwickelt. Seine wichtigsten Erscheinungen sind Gefühl der Er­schöpfung, Beklemmung, Kurzathmigkeit, Herzklopfen,

schwermüthige Stimmung, Abmagerung. Wesentlich ­

ist, dass mehr und mehr die seelischen Erscheinungen in den Vordergrund treten: Muthlosigkeit, Neigung zum Weinen, Schreckhaftigkeit, hppochondrische Ein­bildungen, und dass seelische Einflüsse vom grössten Einflusse auf den ganzen Zustand sind. Thatsächlich kommen ganz ähnliche Krankheitbilder, ähnlich nach den Erscheinungen und nach dem Verlaufe, bei jungen Männern im Alter von siebzehn bis fünfundzwanzig Jahren vor.*) Bald ist die Krankheit leichter und kürzer,

*) Einen dieser Fälle habe ich im Jahre 1879(Memorabilien XXIV. Heft 1. p. 23) beschrieben. In ihm boten sich bemerkens­werthe Aehnlichkeiten mit Rousseaus Krankheit dar. Ich habe damals die Bezeichnung Neurasthenie gebraucht, finde diesen Mode-Ausdruck aber jetzt recht unpassend.