Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
55
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Anscheinende Absichtlichkeit in Rousseaus Jugendschicksal.

seau nicht, wenn er seine Aufgabe erfüllen sollte, der Prophet der Natur gegenüber der verknöcherten Civili­sation, der Anwalt des Herzens gegen den trockenen Verstand der Gebildeten zu sein, frühzeitig heraus­gerissen werden aus der bürgerlichen Regelmässigkeit? Musste er nicht, um allem Menschlichen vertraut und Herzenskündiger zu werden, bei Zeiten durch das wilde Leben geschleppt werden? Er selbst musste durch Schmutz und Unrecht hindurch, an der eigenen Person musste er die Leiden und die Erbärmlichkeit des Men­schen kennen lernen, um aller Dinge kundig und ein wahrer Philosoph, nicht ein Philosophie-Professor zu werden. Er selbst musste die Natur und die Freiheit erleben, d. h. er mussteVagabund werden, um durch die leidenschaftliche Predigt von der Freiheit eine neue Zeit heraufzuführen.

Wurde er durch sein tolles Leben unglücklich? Auch hier frage ich, was heisst glücklich und unglück­lich? Gewiss hätte Rousseau in ruhigen und geordneten Verhältnissen weniger Unglück erlebt; vielleicht wäre er dann ein nervöser und etwas wunderlicher Mann geworden, aber er wäre möglicherweise von der Para­noia verschont geblieben und hätte die Qualen des Verfolgungswahnes nicht erlebt. Aber dann hätte er auch weniger Glück erfahren, die leidenschaftlichen Ent­zückungen im Leben und im Arbeiten, die Süssigkeit des Ruhmes, die tiefe Genugthuung durch das Be­wusstsein seiner Leistungen, durch das Gefühl, ein Held und ein Wohlthäter der Menschen zu sein, wären ihm fremd geblieben. Dort stille Zufriedenheit hinter dem