Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
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Rousseaus Mannesalter.

im eigentlichen Sinne des Wortes unmöglich ist, war ihm aber klar, und er selbst zog aus seinen Grundsätzen nicht die revolutionären Folgerungen, die später aus ihnen abgeleitet worden sind. Rousseau war nichts weniger als ein Schwärmer und er hat die thatsäch­lichen Verhältnisse stets mit ausserordentlicher Be­sonnenheit beurtheilt. Er hatte gezeigt, dass die zu­nehmende sociale und politische Ungleichheit, die mit der Entwicklung der Cultur verknüpft ist, mehr Leid als Glück bringt, aber er forderte nicht dieGleichheit, nach der die auf ihn sich stützende Revolution schrie. Vielmehr rieth er, man solle das Bestehende erhalten,.| nur die bisherige Entwicklung, so weit wie möglich, eindämmen; das Uebel sei einmal da und radicale Maassregeln würden es noch schlimmer machen. Dass seine Lehre zum Communismus und Nihilismus führen könne, daran dachte er gar nicht. Er blieb somit sozu­sagen mitten im Wege stehen. Die Zerstörung des Be­stehenden zu fordern, daran hinderte ihn sein gesunder Sinn. Dann aber blieb eigentlich nichts übrig, als die trostlose Aussicht auf die fortschreitende Veränderung zum Schlechten, an der die kleinen von Rousseau em-| pfohlenen Maassregeln nicht viel ändern könnten. Es führt also Rousseaus Lehre geradenwegs zum Pessimis­mus, Dies erkannte er selbst nicht, sondern er huldigte dem Optimismus von Herzen. Wenn er auch die vor-| handenen Einrichtungen verurtheilte, so lehrte er doch,| dass Alles von Natur gut sei, dass nur die menschliche Verkehrtheit die Erde zu einem Jammerthale gemacht habe. Hier verkannte er wieder, von anderen Einwürfen

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