Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
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Rousseau als Philosoph.

abgesehen, dass doch auch die menschliche Entwick­lung eine natürliche ist. Er machte den falschen Gegen­satz von Natur und Mensch gerade zu einem Ecksteine seines Lehrgebäudes.

Also, man kann mit Recht.gegen Rousseaus Aus­führungen principielle Einwendungen erheben, und dies ist jetzt, nachdem eine mehr als hundertjährige Ent­wicklung uns von Rousseau trennt, gar keine Kunst. Aber gerade Der, der Rousseau heute kritisch gegen­übertritt, erstaunt vor der Kraft und Tiefe seines Denkens*), er sieht bedeutende neue Gedanken mit Irr­thümern ringen, bewundert jene und wundert sich nicht, wenn theilweise der Irrthum siegt. Dass der Gedanken­bau Rousseaus, dem gegenüber der grösste Theil der Philosophie seiner Zeit als leeres Gewäsch erscheint, Erfindung der Schriftstellereitelkeit sei, ist eine ge­radezu lächerliche Behauptung, und von Krankheit

*) Ich möchte hier nur Ein Beispiel geben. Rousseau be­zeichnet im Discours sur linegalite mit klaren Worten das Mit­leid als Fundament der Moral. Diese schöne Stelle citirt Schopen­hauer und er widmet seinem Vorgänger folgende Worte:Da­gegen aber hat meine Begründung die Autorität des grössten Moralisten der ganzen neueren Zeit für sich: denn dies ist, ohne Zweifel, J. J. Rousseau, der tiefe Kenner des menschlichen Herzens, der seine Weisheit nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben schöpfte, und seine Lehre nicht für das Katheder, sondern für die Menschheit bestimmte, er, der Feind der Vor­urtheile, der Zögling der Natur, welchem allein sie die Gabe verliehen hatte, moralisiren zu können, ohne langweilig zu sein, weil er die Wahrheit traf und das Herz rührte.

Leider hat Rousseau später den zuerst eingeschlagenen Weg verlassen und versucht, die Moral in anderer Weise zu begründen.

zz. RES FE