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Die falschen Freunde.
Herz verlangte nach Freunden und täuschte ihn über Die, die er so nannte. Das war sein Verderben. Der Neid der Freunde war der grimmige unerbittliche Feind, der ihn bis über das Grab hinaus verfolgt hat. Rousseau machte nicht nur den Fehler, dass er seine Freunde unter den gelehrten und unehrlichen Leuten seiner Umgebung suchte, sondern auch den, dass er fortdauernd ihre Unfähigkeit, seine Empfindungen zu erwidern, verkannte. Dieser Mangel an Urtheil über die Menschen ihrer Neigung scheint vielen warmherzigen Naturen eigen zu sein. Bei Rousseau aber war er deshalb ganz besonders folgenreich, weil seine Ansprüche an die Freundschaft ungewöhnlich hoch waren. Er verstand die Freundschaft im engeren Sinne des Wortes, als innigste persönliche Gemeinschaft, und brachte dem Freunde in aller Lebhaftigkeit seines Temperaments, ja mit einer gewissen Ueberschwänglichkeit sein Herz entgegen. Den Anderen aber war in der Regel Freund soviel wie Bekannter, und wahrscheinlich hatten sie sich zuweilen gar nicht viel dabei gedacht, wenn Rousseau von seinem Standpunkte aus mit Recht über Treubruch klagte. So milde sind Die freilich nicht zu beurtheilen, mit denen wir uns zunächst zu beschäftigen haben. Rousseau war schon in der ersten Zeit seines Pariser Aufenthaltes mit fast allen literarischen Persönlichkeiten der Hauptstadt bekannt geworden, am engsten aber hatte er sich von vornherein an Diderot angeschlossen. Beide waren ungefähr gleich alt, waren noch Werdende und verfolgten anscheinend gleiche Ziele. Jahrelang scheint zwischen ihnen ein intimes
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