Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
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Andere Vorzüge Rousseaus.

Man vergleiche seine edie Haltung mit der Nieder­trächtigkeit Voltaires gegen ihn.

Man sagt, Rousseaus Charakter sei aus Wider­sprüchen zusammengesetzt, Cr habe bald dies, bald jenes gewollt. Auch das kann ich nicht finden. Er war ein für gewöhnlich sanfter, aber in der Erregung leidenschaftlicher und höchst nervöser Mann. Dass er den Schwung der Begeisterung, in den er von Zeit zu Zeit gerieth, nicht dauernd ertragen konnte, dass auf die gewaltsame Bewegung Ermüdung folgte, das ist doch selbstverständlich, und ich möchte wissen, ob irgend ein Künstler oder Dichter sich anders ver­halten könne. Rousseaus Ansichten sind nicht immer dieselben, aber ihre Entwickelung ist ganz normal, sie klären und vertiefen sich, anfänglich schroff und übertrieben wird er immer freier und besonnener. Ge­rade das ist bemerkenswerth, dass dieser Mann, der für den oberflächlichen Blick der reine Gefühlsmensch zu sein scheint, über alle concreten Verhältnisse mit grosser Behutsamkeit, ja mit staatsmännischer Ruhe urtheilt. Sturm und Drang vereinigen sich in ihm mit ruhiger Klarheit. Gerecht und wohlwollend, wie er im Leben war, blickt er auf die Welt und sein Urtheil bleibt vorsichtig und gemässigt. Im Praktischen hat es freilich den Anschein, als verfolgte er kein bestimm­tes Ziel, da er Thätigkeit und Ort ungewöhnlich oft wechselt. Aber das ist eben Schein. Verfolgt man sein Leben, so muss man gestehen, dass er fast immer das gethan hat, bewusst oder unbewusst, Was im Sinne seiner Mission lag. Das, was er brauchte, war Freiheit