Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
157
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Der grosse Brief an Hume.

bald musste ich die meinigen niederschlagen. Der Gesichtsausdruck und die Stimme des guten David sind die eines guten Mannes, aber woher, grosser Gott, nimmt dieser gute Mann die Augen, mit denen er seine Freunde fixirt? Der Eindruck dieses Blickes bleibt und erschüttert mich. Meine Unruhe steigert sich bis zur Bestürzung: wäre nicht ein Ausbruch erfolgt, ich wäre erstickt. Bald ergreifen mich lebhafte Gewissens­bisse, ich empöre mich über mich selbst; endlich in einer Aufwallung, deren ich mich noch mit Freuden erinnere, werfe ich mich an seinen Hals und umschliesse ihn eng. Heftig schluchzend und überströmt von Thränen rufe ich mit abgebrochener Stimme aus: Nein, nein, David Hume ist kein Verräther; wenn er nicht der Beste der Menschen wäre, müsste er der schwär­zeste Bösewicht sein! David erwidert höflich meine Umarmungen, und indem er mich wiederholt leicht auf den Rücken klopft, sagt er mir mehrmals mit ruhiger Stimme: Was, mein lieber Herr! O mein lieber Herr! Was denn, mein lieber Herr! Weiter sagte er nichts. Ich fühle, wie mein Herz sich zusammenkrampft. Wir legen uns schlafen, und am anderen Morgen reise ich nach der Provinz ab. Er fand in Wootton keine Ruhe.Umhergetrieben von der grausamsten Un­gewissheit, nicht wissend, was ich von einem Manne zu denken hatte, den ich lieben sollte, suchte ich mich von dem schrecklichen Zweifel zu befreien und mein Vertrauen meinem Wohlthäter wieder zuzuwenden. Denn warum, um welchen unbegreiflichen Einfalls willen, hätte er äusserlich so viel Eifer für mein Wohl­