Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
171
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Verhältniss zwischen Verfolgung und Wahn,

klärung von Wahnvorstellungen eingenommen zu sein. Rousseaus Fall ist scheinbar recht geeignet, darzu­thun, wie Verfolgungen Verfolgungswahn erzeugen, wie die durch die Erfahrungen erschütterte Seele allmäh­lich das Maass verliert, auch da Verfolgung ahnt, wo keine ist, und schliesslich alles im Sinne dieses Wahnes deutet. Wenn man aber bedenkt, dass in den meisten Fällen von Verfolgungswahn von wirklicher Verfolgung keine Rede ist, und dass der Wahn da sich ebenso dar­stellt, wo er in der Erfahrung Anknüpfungen findet, wie da, wo solche fehlen, dass die typischen Wahn­vorstellungen bei Gebildeten und Ungebildeten, bei den Angehörigen der verschiedenen Nationen in ungefähr gleicher Weise auftreten und den Insassen der Irren­anstalten in den verschiedenen Ländern eine merk­würdige Aehnlichkeit geben, dann wird man miss­trauisch gegen psychologische Vermittelungen. In Wirk­lichkeit steigen die Hauptformen des Wahns aus der Tiefe des Unbewussten herauf, als wohin unsere Psy­chologie nicht reicht. Will man andere Worte brauchen, so kann man auch sagen: dem Wahne liegen Ver­änderungen im Gehirne zu Grunde, die durch die unserem bewussten Seelenleben entsprechenden Vor­gänge nicht allein verursacht sind. Die seelischen Ursachen des Wahns kommen weniger ihrer Qualität nach, als ihrer Quantität nach, als verschiedene For­men der Gemüthserschütterung in Betracht. Die Ge­müthserschütterung wird um so verderblicher sein, je mehr der Betroffene von Haus aus Anlage zu geistiger Erkrankung besitzt, und da, wo eine solche gänzlich