Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
180
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Unglück und Beginn der Krankheit.

von einer moralischen Beurtheilung abzusehen. Leidet Jemand an Verfolgungswahn, so wird leicht auf alle Beziehungen seiner moralischen Person zur Aussenwelt ein falsches Licht fallen, und jede seiner Aeusserungen über diese Beziehungen wird verdächtig sein. Dies gilt auch von dem abgeschwächten oder vielleicht durch die natürliche Kraft seines Geistes in Schranken gehal­tenen Wahne Rousseaus. Man wird jede auffällige Aeusserung für sich betrachten müssen und wird zu prüfen haben, ob in ihr etwa ein Widerspruch gegen die Denkweise der gesunden Zeit zu erkennen ist, und ob sie im Sinne des Wahnes gehalten ist. Im Zweifels­falle wird man besser thun, von einer Entscheidung abzusehen, als aus einer vielleicht nicht zurechenbaren Aeusserung einen Vorwurf zu machen. Auf diese Weise wird man am ehesten ein Unrecht gegen den Kranken vermeiden. Andererseits wird man nicht fehl gehen, wenn man manches doppelt zum Guten rechnet. Wenn ein an Verfolgungswahn Leidender auch Denen gegen­über, in denen er seine Feinde erkennt, nie der Wahr­heit untreu wird, wenn er ihnen nicht Böses mit Bösem vergilt, sondern ihre guten Seiten mit Nachdruck her­vorhebt, wenn er sogar aus Zartsinn Dinge verschweigt, die er zu seiner Vertheidigung sagen könnte, wenn er überhaupt sich streng beurtheilt, andere mild, so wird man einen derart gerechten Sinn, den auch die Krank­heit nicht beugen konnte, des höchsten Lobes würdig finden. Man wird den Mann, der trotz der Verdunke­lung seines Geistes kindliche Liebenswürdigkeit be­wahrte und unfähig war zu hassen, zweifach bewundern.