Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
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Die Vorlesung der Bekenntnisse.

die ganze Gesellschaft. Mit solchem Schweigen war Rousseau nicht gedient. Verstimmt wandte er sich von der Aristokratie ab und wählte nun junge Schriftsteller als Zuhörer. Doch auch die zweite(siebzehnstündige!) Sitzung befriedigte ihn nicht; wahrscheinlich ahnte Nie­mand, was der Vorleser eigentlich beabsichtigte. Er soll es noch ein drittes Mal versucht haben, doch scheint darüber nichts näheres bekannt zu sein. Die Vor­lesungen hatten grosses Aufsehen erregt.Schon die blosse Ankündigung dieser drohenden Bekenntnisse machte die grösste Sensation. Könige, Prinzen, Alle liefen danach, wenn auch aus verschiedenen Gründen, u. s. w. Die, die Zuhörer gewesen waren, erzählten überall von dem, was sie erfahren hatten, die Zeitungen brachten angebliche Auszüge, und die bösen Zungen hatten viele Arbeit. Frau von Epinay, die sich mit einigem Grunde peinlich berührt fühlte, wandte sich an den Polizeipräsidenten und bat ihn, die Fortsetzung der Vorlesungen zu untersagen. Der Beamte that ihr den Gefallen und Rousseau gab sein Unternehmen auf, das er wohl selbst als verfehlt zu betrachten anfing. Mehr und mehr verlor er das Vertrauen zu seinen Zeitgenossen und die Hoffnung, bei ihnen Gerechtig­keit zu finden. Auf das kommende Jahrhundert setzte er nun seine Zuversicht und für die Nachwelt schrieb er das zwölfte Buch seiner Bekenntnisse, ordnete er seine Briefe und versah sie mit Anmerkungen. Wiederholt nahm er die Bekenntnisse vor und schrieb zu den Stellen Fussnoten, die seiner veränderten Auffassung nicht mehr ganz entsprachen. Diese Zusätze sind interessant: