Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
266
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namen auf die Beine helfen? Wir brauchen Männer, und solche sieht man nicht aus ihren Händen hervor­gehen. Die Medicin ist bei uns in der Mode und das ist natürlich. Sie bietet den faulen Leuten Unterhaltung, die nicht wissen, wie sie die Zeit todtschlagen sollen, und sie deshalb zu ihrer Conservirung verwenden. Wären sie unglücklicher Weise als Unsterbliche ge­boren worden, sie wären die elendesten aller Wesen. Ein Leben, dessen Verlust sie nie zu fürchten brauch­ten, wäre für sie ohne allen Werth. Diese Leute be­dürfen der Aerzte, die sie erschrecken, um ihnen zu schmeicheln, und die ihnen täglich das einzige Ver­gnügen verschaffen, dessen sie fähig sind, nämlich das, nicht todt zu sein...*) In der Medicin machen die Menschen denselben Fehlschluss, den sie in der Philo­sophie machen: sie nehmen an, dass eine Krankheit, die behandelt wird, geheilt werde, und dass eine Wahr­heit, die gesucht wird, gefunden werde. Sie sehen nicht ein, dass auf eine Heilung, die der Arzt bewirkt, hundert Todesfälle kommen, an denen er Schuld ist, und dass der Nutzen einer Wahrheit aufgewogen wird durch den Schaden des gleichzeitigen Irrthums. Die Wissenschaft, die belehrt, und die Medicin, die heilt, sind ohne Zweifel vortrefflich, aber die Wissenschaft, die täuscht, und die Medicin, die tödtet, taugen nichts. Lehrt uns sie unterscheiden! Darauf kommt es an. Könnten wir auf die Wahrheit verzichten, so wären wir niemals die Narren der Lüge, und wollten wir nicht

*) De te fabula narratur!