Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
306
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Die Epikrise,

nur mehräusserlich. In der Sache dürfte ein wesent­licher Unterschied der Auffassungen nicht vorhanden sein. Nach Magnans Bezeichnungen handelte es sich bei Rousseau um das delire chronique des degeneres, das er von dem delire chronique a Evolution spstema­tique getrennt wissen will. Mir scheint, dass gerade der Fall Rousseau sehr gut darthue, wie wenig die von Magnan verlangte Trennung berechtigt ist, denn gerade das Systematische, die unaufhaltsam und langsam fort­schreitende Entwicklung der Krankheit ist da*).

Das eigenthümliche Merkmal des combinatorischen Verfolgungswahnes, das ihn von anderen Formen der Paranoia unterscheiden lässt, das Fehlen der Sinnes­täuschungen, war bei Rousseau zweifellos vorhanden. Zu keiner Zeit seiner Krankheit haben Hallucinationen oder Illusionen bestanden, das kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen.

Vom Gewöhnlichen abweichend sind zwei Um­stände bei Rousseau: Einmal beginnt das Irresein in einem relativ späten Lebensalter, zum anderen hält es sich in gewissen Grenzen, der Wahn bleibt mehr oder weniger maassvoll, nur vereinzelt tauchen wirk­liche Absurditäten auf. In der Regel entwickelt sich der combinatorische Verfolgungswahn in der ersten Hälfte des Lebens, nicht selten im jugendlichen Alter. Sein spätes Auftreten bei Rousseau dürfte darauf hindeuten, dass die Anlage Rousseaus zur Paranoia nicht sehr stark war. Vermuthlich hätte es bei Rousseau mit der

*) Vgl. dazu: Schmidts Jahrbb. d. ges. Med. CCXXVII p- 100. 1890.