Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1911) J. J. Rousseau
Entstehung
Seite
308
Einzelbild herunterladen

Die Epikrise.

sam und staffelweise ansteigend entwickelt sich die Krankheit. Zeiten heftiger und schmerzlicher Erregung

bezeichnen die Perioden rascheren Fortschrittes. Im Anfange zeigt die Curve höhere und steilere Er­hebungen als später, d. h. die Aufregungzustände

verlieren mit der Zeit an Stärke, gewinnen an Dauer. Die Remissionen aber sind nur scheinbare Besserungen; zwar kehren Besonnenheit und Ruhe wieder, zwar werden gar zu schroffe Aeusserungen des Wahnes zurückgenommen, aber jede wirkliche Krankheiteinsicht fehlt gänzlich, und das Gebäude des Wahnes erscheint nach jeder Aufregung als weiter ausgebaut und fester begründet. Nach etwa vierjähriger Krankheit ist die Höhe erreicht. Das System ist fertig und in der Folge­zeit entstehen nicht mehr neue Gedanken, sondern es werden nur die Consequenzen der fixirten Wahnvor­stellungen gezogen. Zu Grössenwahn kommt es nicht. Die Vorstellungen, die als Ueberschätzungsideen er­scheinen, stammen aus der gesunden Zeit: Der Kranke beurtheilt seine Person nicht anders, als er es vor der Krankheit that. Schliesslich tritt Resignation ein. Zwar wird das Wahnsypstem festgehalten, aber der Kranke giebt den Kampf gegen die feindliche Welt auf. An die Stelle der Empörung und des Zorns tritt die Weh­muth, und die Ruhe der Seele wird nur noch selten und unerheblich gestört. Langsam nimmt die seelische Schwäche zu, die ihren Ausdruck in dem Schwunde des Gehirns findet, bis ein rascher Tod das traurige Leben beendet.