denkartikel zu Fontanes 50. Todestag weist er zugleich auf den Rang dieses Autors in der Geschichte des deutschen wie des europäischen Romans hin: « Der moderne Roman wurde für Deutschland erfunden, verwirklicht, auch gleich vollendet von ... Theodor Fontane. Als erster hier hat er wahrgemacht, daß ein Roman das gültige, bleibende Dokument einer Gesellschaft, eines Zeitalters sein kann; daß er soziale Kenntnis gestalten und vermitteln, Leben und Gegenwart bewahren kann noch in einer sehr veränderten Zukunft .. . Alles vermöge richtig gesehener, stark gezeichneter Personen, einer Welt von Personen oder einzeln ausgesuchter, die dasselbe tun: standhalten, sich selbst unverletzt überbringen den weiten Weg von damals her .. . Deutsche Romane des 19. Jahrhunderts sind bei der Welt nicht durchgedrungen, man ginge denn zurück bis Hoffmann, bis Goethe. Aber Fontane wiegt viele auf, die fehlen oder die befremden ... Er war, in Skepsis wie in Festigkeit, der wahre Romancier, zu seinen Tagen der einzige seines Ranges.»
Das Urteil Heinrich Manns, neu und kühn noch für manchen, der es vor zwanzig Jahren vernahm, dürfte heute kaum noch ernsthaften Widerspruch hervor- rufen. Die professionelle Literaturwissenschaft - lange in Vorurteilen, in engen und einseitigen Betrachtungen befangen, nicht selten auch bewußt die ideelle Tendenz dieses Werkes verfälschend und dessen Zukunftsträchtigkeit leugnend oder verleugnend - hat heute im weiten Umfang bestätigt, was die beiden größten Nachfolger des Romanciers Theodor Fontane längst erkannt und ausgesprochen hatten: dieser Autor gehört zu den klassischen Erzählern deutscher Sprache. Und die nationale wie die weltweite Wirkung seines Werkes ist noch immer im Wachsen.
Fontane selbst hätte die Charakterisierung seines erzählerischen Spätwerkes als «klassisch» nun freilich kaum gelten lassen. Ähnlich wie sein Zeitgenosse Theodor Storm, wenn auch aus anderen Motiven, bezog er diesen Begriff stets nur auf die Kunst der Vergangenheit. Deutlicher als Fontane hat es Storm einmal ausgesprochen: zur Klassizität gehöre, «daß in den Werken eines Dichters der wesentliche geistige Gehalt seiner Zeit in künstlerisch vollendeter Form abgespiegelt» sei. Die Bedingungen für das Entstehen einer klassischen Nationalliteratur jedoch, wie sie Goethe im Jahre 1795 in seinem Aufsatz « Über literarischen Sansculottismus» untersucht hat, waren in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland noch weit ungünstiger als gegen Ende des achtzehnten. Versteht man unter «klassischer Dichtung» allein die Darstellung «großer Gegenstände», dann wird man Fontanes Romanen und Erzählungen wohl dieses Attribut versagen müssen. Er, der in seinen frühen Balladen den Versuch unternommen hatte, bedeutende Begebenheiten und Gestalten aus der englischen und schottischen Geschichte oder aus der - freilich stark idealisierten - preußischen Vergangenheit zu verewigen, mußte bald erkennen, daß er damit keinen Ersatz für die künstlerische Darstellung der gegenwärtigen nationalen und menschheitlichen Problematik zu bieten vermochte.
6