Fontane hat später wiederholt bekannt, daß er das Kleine ebensogern zum Gegenstand seiner Dichtung mache wie das (in seiner Zeit recht problematische) Große. «Ich behandle das Kleine mit derselben Liebe wie das Große », schrieb er 1883 an seine Frau, «weil ich den Unterschied zwischen klein und groß nicht recht gelten lasse... Herwegh schließt eins seiner Sonette (,An die Dichter’) mit der Wendung: ,Und wenn einmal ein Löwe vor euch steht,/ Sollt ihr nicht das Insekt auf ihm besingen.’ Gut. Ich bin danach Lausedichter, zum Teil sogar aus Passion; aber doch auch wegen Abwesenheit des Löwen.» Aus diesen Worten spricht nichts weniger als subjektive Selbstbescheidung oder Resignation. Anders als bei Theodor Storm, anders auch als bei Wilhelm Raabe, deren Humanitätsideal sich mehr oder weniger deutlich an idyllischpatriarchalischen Lebensformen orientiert, gibt es bei Fontane keinen Rückzug auf historisch überholte Positionen, keine Refugien humaner Gesinnung und Gesittung, weder « Husumerei» noch Hungerpfarren und Katzenmühlen. Fontanes Verachtung des modernen Bourgeois erlaubt ihm auch keinen Rückgriff auf frühbürgerliche Ideale.
Allerdings begreift Fontane den « Bourgeois» weniger als gesellschaftliche Kategorie denn als einen vom Kapitalismus geprägten Typ mit krämerhafter, spießbürgerlicher Gesinnung. Während er den kapitalistischen Unternehmern großen Stils sogar eine gewisse Bewunderung zollt, kritisiert und persifliert er das«wohlhabend gewordene Speckhökertum », jene aus dem deutschen Klein- und Mittelbürgertum hervorgegangene soziale Gruppe also, die vor allem während der Gründerjahre reich geworden war und die insbesondere in bestimmten Kreisen der Berliner Gesellschaft den Ton angab. «Wirklicher Reichtum imponiert mir oder erfreut mich wenigstens», erklärte er 1884 seiner Tochter, « seine Erscheinungsformen sind mir im höchsten Maße sympathisch, und ich lebe gern inmitten von Menschen, die 5000 Grubenarbeiter beschäftigen, Fabrikstädte gründen und Expeditionen aussenden zur Kolonisierung von Afrika. Große Schiffsreeder, die Flotten bemannen, Tunnel- und Kanalbauer, die Weltteile verbinden, Zeitungsfürsten und Eisenbahnkönige sind meiner Huldigungen sicher, ich will nichts von ihnen, aber sie schaffen und wirken zu sehn tut mir wohl; alles Große hat von Jugend auf einen Zauber für mich gehabt, ich unterwerfe mich neidlos. Aber der ,Bourgeois’ ist nur die Karikatur davon, er ärgert mich in seiner Kleinstelzigkeit und seinem unausgesetzten Verlangen, auf nichts hin bewundert zu werden. Vater Bourgeois hat sich für 1000 Tlr. malen lassen und verlangt, daß ich das Geschmiere für einen Veläzquez halte,_ Mutter Bourgeoise hat sich eine Spitzenmantille gekauft und behandelt diesen Kauf als ein Ereignis. Alles, was angeschafft oder wohl gar ,vorgesetzt‘ wird, wird mit einem Blicke begleitet, der etwa ausdrückt: ,Beglückter du, der du von diesem Kuchen essen, von diesem Wein trinken durftest’; alles ist kindische Überschätzung einer Wirtschafts- und Lebensform, die schließlich geradeso gut Sechserwirtschaft Ist wie meine eigne. » Fontanes Sympathieerklärung für den Typ des Großunternehmers - bei
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