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Sonderheft 2, Zur Entstehungs und Wirkungsgeschichte Fontanescher Romane
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gleichzeitiger Geringschätzung, ja Verachtung «bourgeoiser» Gesinnung - hat nichts zu tun mit einer Apologie der Bourgeoisie als Klasse. Was ihm im­poniert, ist die Initiative und die Tatkraft einzelner Persönlichkeiten schlecht­hin; nach den ökonomischen Motiven fragt er sowenig wie nach den gesell­schaftlichen Folgen; die Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des kapitalisti­schen Systems ist ihm verschlossen. Dieser Haltung liegt das gleiche Motiv zu­grunde, das lange Zeit Fontanes Liebe zum Adel bestimmt hat: seine Bewun­derung tatsächlicher oder scheinbarer historischer « Größe ».

Im Mai 1860 hatte Fontane an seine Mutter geschrieben: « Zehn Generationen von 500 Schultzes und Lehmanns sind noch lange nicht so interessant wie drei Generationen eines einzigen Marwitz-Zweiges. Wer den Adel abschaffen wollte, schaffte den letzten Rest von Poesie aus der Welt.» Das ist noch die Sprache eines « romantisch » gestimmten Künstlers, die den künftigen kriti­schen Realisten kaum ahnen läßt. Je mehr sich Fontane als Schriftsteller mit der preußisch-deutschen Wirklichkeit auseinandersetzt, um so kritischer wer­den seine Urteile über den Adel. Vierunddreißig Jahre nach der eben zitier­ten Sympathieerklärung hat sich sein Standpunkt völlig geändert; im April 1894 gesteht er in einem Brief an Georg Friedlaender: «Von meinem vielge­liebten Adel falle ich mehr und mehr ganz ab, traurige Figuren, beleidigend unangenehme Selbstsiichtler von einer mir ganz unverständlichen Borniertheit, an Schlechtigkeit nur noch von den schweifwedelnden Pfaffen (die immer an der Spitze sind) übertroffen ... Die Biilows und Arnims sind zwei ausge­zeichnete Familien, aber wenn sie morgen von der Bildfläche verschwinden, ist es nicht bloß für die Welt (da nun schon ganz gewiß), sondern auch für Preußen und die preußische Armee ganz gleichgültig, und die Müllers und Schultzes rücken in die leer gewordenen Stellen ein. Mensch ist Mensch.» Zwar bleibt Fontanes ästhetisches Interesse für den Adel bis ans Ende seines Lebens bestehen, doch gilt es bloß noch dem « Junker » als einer « Kunstfigur »; als « eigentlicher Adelstypus » ist er ihm « ungenießbar geworden ». Und wenn der Dichter dennoch « entzückende Einzelexemplare» findet, « die sich aus Naturanlage oder unter dem Einfluß besondrer Verhältnisse zu was schön Menschlichem durchgearbeitet haben », dann begreift er sie nur als die weni­gen Ausnahmen, die den Regelfall um so signifikanter machen. Der alte Dubslav von Stechlin ist die schönste Verkörperung dieses exzeptionellen Typs; in der Gestalt jenes idealisierten märkischen Landjunkers entwirft Fontane das Bild eines Adels, « wie er sein sollte », nicht « wie er ist ». Fontane hat sich nie nach dem « Alten » zurückgesehnt, sondern öffnet sich - je älter, je bewußter - dem «Neuen»; und sowenig er dieses "Neue konkret zu fassen und zu beschreiben weiß, eines ist ihm unumstößlich klar: es bedeutet die Überwindung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. In seinem berühmten Brief an James Morris vom 22. Februar 1896 bekennt er, wie sich ihm die Zukunft därstellt: «Alles Interesse ruht beim vierten Stand. Der Bourgeois ist furchtbar, und Adel und Klerus sind altbacken, immer wieder

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