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Sonderheft 2, Zur Entstehungs und Wirkungsgeschichte Fontanescher Romane
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dasselbe. Die neue, bessere Welt fängt erst beim vierten Stande an. Man würde das sagen können, auch wenn es sich bloß erst um Bestrebungen, um Anläufe handelte. So liegt es aber nicht; das, was die Arbeiter denken, spre­chen, schreiben, hat das Denken, Sprechen und Schreiben der altregierenden Klassen tatsächlich überholt, alles ist viel echter, wahrer, lebensvoller. Sie, die Arbeiter, packen alles neu an, haben nicht bloß neue Ziele, sondern auch neue Wege .»

Diese Briefstelle ist kein vereinzeltes Zeugnis dafür, daß Fontane mit der Arbeiterklasse nicht bloß allgemein sympathisiert, sondern daß er in ihr die einzige Kraft erkennt, die in der Lage ist, die «neue, bessere Welt» aufzu­bauen. Bereits in den frühen vierziger Jahren hatte er sich mit der englischen Chartistenbewegung beschäftigt und in diesem Zusammenhang einen Aufsatz über den Arbeiterdichter John Prince verfaßt. Noch bevor Heinrich Heine die gleiche revolutionäre Idee im Caput VI seines « Deutschland »-Gedichts ver­kündete, schrieb Fontane mit Bezug auf die Forderungen der englischen Sozia­listen, daß «jeder wahre ,Gedanke einmal ,Tat zu werden berechtigt» sei. Und ferner: « Gott sei Dank, die Welt ist eine Welt des Fortschritts, und ob auch noch Jahrhunderte vergehen mögen, bevor der große Schritt geschieht, zu dem die Welt bereits den Fuß erhoben hat - ob spät, ob früh, geschehen wird er doch. Was frommt es, daß so mancher die Augen schließt, um nichts wahrzunehmen, was seine Bequemlichkeit, seine Ruhe beeinträchtigen könnte? ... Es gilt die Emanzipation vieler Millionen, deren Leben voll Ent­behrungen und Sorgen aller Art, einer ewigen Nacht zu vergleichen, während sich die Reichen im Sonnenschein des Glücks ergötzen. Das Gesetz erkennt ihnen Menschenrechte, aber nicht jene Berechtigungen zu, deren Vollgenuß dem Adel, deren Nießbrauch wenigstens dem Bürger wurde, und ihre be­scheidenen Ansprüche an Glück und Freude und Wohlleben werden nur zu oft als ,freche Forderungen unberücksichtigt gelassen.»

Neben der Auseinandersetzung mit dem «Bourgeois» und der « Bourgeois»- Gesinnung und parallel mit der allmählichen Revision jener romantischen Vorliebe für den Adel zeichnet sich in Fontanes Denken und Empfinden eine enge Verbundenheit mit dem Schicksal der arbeitenden Klassen, ja das Ein­verständnis mit deren revolutionären Forderungen ab. Diese Sympathie, die zugleich den größten gesellschaftlichen Umwandlungsprozeß der Geschichte gedanklich und emotional antizipiert - gipfelnd in dem Bekenntnis zu den Zielen und Wegen des « vierten Standes» -, hat auch das erzählerische Werk Theodor Fontanes mitgeprägt und mitbestimmt. Gewiß: von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus hat er nichts oder so gut wie nichts gewußt, und die wenigen Gestalten aus dem revolutionären Proletariat, denen wir in den Romanen begegnen, sind blaß, oder sie vertreten - wie die Figur des ehe­maligen Kommunarden Camille LHermite aus dem «Quitt »-Roman - in starkem Maße idealistische und anarchistische Ideen. Dennoch ist Fontanes Realismus nicht denkbar ohne das konstitutive Element einer Gesellschafts-

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