[Am Rande: schrullenhaft, drastisch, Drastika.] Er hatte sogar, um gerecht zu sein, alle nötigsten Requisiten, um eine volkstümliche Figur abzugeben, und [Lücke im Ms.] nur reich, wohltätig, kunstsinnig, sondern auch apart, originell, schrullenhaft. Unter diesen Schrullen stand seine Vorliebe für das Drastische obenan. [Zwischen den Zeilen und am Rand: Ihm fehlte freilich das, was eine Popularität höheren Stils erheischt, er hatte keine Schlachten geschlagen und keinen Werther geschrieben, aber über die Popularitäts-Durch- schnitts-Requisiten hatte er vollste Verfügung, indem er nicht nur reich, wohltätig u. kunstsinnig, sondern auch drast., oppositionslustig und schrullenhaft war.]
Solang ihm ein einfaches oder drastisches Wort zur Wahl stand, wählte er das Drastikum, woraus sich abnehmen läßt, daß er überall da, wo er sich gehen lassen konnte, das Berlinische seiner Vaterstadt mit Vorliebe sprach. Und er konnte sich immer frei bewegen. Von Jugend auf reich und verwöhnt, hatte er nicht gelernt, sich Zwang anzutun, und er mied Gesellschaften, die ihm seine Drastika nicht gestatteten. Er war gesellig - auch schon aus kulinarischen Erwägungen -, gab aber der Geselligkeit in seinem Hause den Vorzug.
Die Lieblingswendungen seiner Haupt- und Residenzstadt waren ihm von Jugend auf geläufig, jeder Bekannte wurde mit «alter Freund und Kupferstecher » angeredet, und statt des gebräuchlichen «ziemlich gut» hatte er nie eine andre Bezeichnung gehabt als « doll genug ». Er ließ es aber bei solchen Harmlosigkeiten nicht bewenden und konnte auch drastischer ins Feld rücken. Er war immer eine populäre Figur gewesen [zwischen den Zeilen: natürlich andre Beiwörter], fast war er es durch Erbschaft, er wurd es aber erst recht, als er eine schöne Frau nahm [?], was gerade zehn Jahr vor Beginn unserer Geschichte geschehen war. Er heiratete die schöne Melanie Charton, ein französisches Kolonistenkind, die sich’s, erst 17 Jahr alt, gefallen ließ, eine Geheime Kommerzienrätin zu werden. Sie hätte sich’s auch noch ein paar Jahr länger gefallen lassen und freute sich, wenn sie abends in die gut möblierte große Kinderstube trat, wo die drei Kinder, die rasch aufeinander gefolgt waren, in Mahagoni-Bettsteilchen lagen, alle mit blauseidnen Steppdecken und roten Atlasschleifen auf ihren Nachtröckchen. Sie hörte dann die nur halb unterdrückten Seufzer derer, deren Kinder einfach in Shirting [grobes Hemdentuch] in einem Sofa-Ausschiebekasten und einfach in Shirting schliefen. Und diese Seufzer taten ihr wohl, trotzdem sie gutherzig und liebevoll (?) war; aber sie war auch infernal. Und vor allem war sie jung. Noch nicht 24 Jahr.
Und so ging es auch noch länger. Nur mitunter dämmerte es in ihr, daß ihr etwas fehle, ein frischer, freier, fröhlicher Lebenshauch, denn das Frische und Freie, das in den Drastikas ihres Gatten steckte, war nur die Karikatur davon. Sie fing an, an diesen Drastikas und Berolinismen Anstoß zu nehmen. Das wuchs, als vor Jahresfrist der Assessor X. ins Haus gekommen war.