warum diesen Leuten und vielen andern mit ihnen Exemplare schicken, bloß um sie ignoriert oder getadelt zu sehn. Wollen die Herren das, so können sie sich das Buch wenigstens kaufen. Ich bin, bei meinem letzten Roman [«Irrungen, Wirrungen»], nach diesem Prinzip verfahren und habe es auf diese Weise durchgesetzt, daß ich, mit einer einzigen Ausnahme - wo der Verleger, gegen meinen Rat, an ein ihm bekanntes und sympathisches Blatt geschickt hatte -, nur mir wohltuende Kritiken zu lesen in der Lage gewesen. Es waren Kritiken in den besten Blättern Deutschlands und von unsren besten kritischen Köpfen geschrieben. Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß dies nicht Feigheit und nicht Vogel Strauß ist, so wenig, daß ich Ihnen offen ausspreche, daß mir eine mich ordentlich, aber ernst, gewissenhaft und liebevoll ins Gebet nehmende Kritik das liebste ist, weil ich an ihren Ton am meisten glaube, aber mir von irgendeinem Schmock oder von irgendeinem Stoeckerschen Predigtamtskandidaten in der Kreuz-Zeitung Sottisen sagen zu lassen, dazu bringe ich freilich keine große Geneigtheit mit, und wenn ich es vermeiden kann, so vermeide ich es.»
Am 2. Oktober 1888 berichtete Fontane seiner Frau, daß der Verleger seinen Wünschen zustimme - und dabei wird auch der Grund seiner Verstimmung klar: die Anspielung in jenem Brief an Theodor vom 8. September 1887 über den Chefredakteur «mit dem Löwenanteil» und die Bemerkung über Dr. Leopold Kayßler in jenem Brief an Wilhelm Hertz zielen auf das strikte Schweigen der « Post», deren Chefredakteur Kayßler war: « Heute früh kam Hans Hertz, um mir eine Antwort auf den langen Brief zu bringen, worin ich dem alten Hertz hinsichtlich der Rezensionsexemplare meiner Bücher empfohlen hatte, alle Zeitungen zu übergehen, die sich in feindlicher Stellung gegen mich gefallen, Kreuzzeitung und Börsen-Courier an der Spitze. Man ist gewillt, darauf einzugehn, was mir sehr lieb, aber doch eigentlich auch nur in der Ordnung ist. Was habe ich oder was hat Hertz davon, wenn mir in der Post, dem feindseligsten und großmäuligsten dieser Blätter, versichert wird: ich wandle auf Abwegen.» Bisher ungedruckt war der Satz, der unmittelbar an diese Bemerkung anschließt und die Zusammenhänge aufklärt: «Und nun denke Dir Kayßler dabei, der in der verloddertsten Maitressenwirtschaft steckte und vielleicht noch nicht draus raus ist.» Fontanes Vorsicht und Zurückhaltung, seine Nüchternheit bestanden zu Recht. Wenn auch gesagt werden kann, daß die dem Dichter freundlich gesonnene Kritik trotz mancher Fehleinschätzung viel, ja fast alles dazu beigetragen hat, dem Roman «Irrungen, Wirrungen» den Weg zum Leser freizukämpfen, so hat doch zweifellos eine bornierte, in Vorurteilen befangene Zeitgenossenschaft erheblichen Anteil daran, daß sich das Verständnis für Fontane zu seinen Lebzeiten nur langsam durchsetzte. Ein weiteres Beispiel mag dies illustrieren. Im Jahre 1895 veröffentlichte Adolf Stern, Vertreter eines nationalliberalen Standpunktes, einen Band « Studien zur Literatur der Gegenwart» (Dresden 1895, 2. Aufl. Dresden und Leipzig 1898), der auch