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Sonderheft 2, Zur Entstehungs und Wirkungsgeschichte Fontanescher Romane
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gesagt haben, so würden wir so ziemlich alle Namen streichen müssen, bei deren Nennung uns das Herz höher schlägt. Daß der Burggraf siegte, muß, wie wir nur wiederholen können, als ein unendlicher Segen für Land und Volk angesehen werden, daß man ihm aber damals Opposition machte, war verzeihlich, vielleicht gerechtfertigt.»

Die «menschlichen Sympathien» trüben hier die historische Klarsicht; denn fest steht, daß die Quitzowsche Junkerrevolte im Widerspruch zur geschicht­lichen Entwicklung stand. Es gelang Fontane nicht immer, zwischen Ge- fühlsfraditionen und politischen Anschauungen zu vermitteln, die beide aus der spezifischen Entwicklung des Dichters resultieren.

Der tatenfrohe Wanderer durch die Mark Brandenburg hatte im Mai 1860 an seine Mutter geschrieben: «Wer den Adel abschaffen wollte, schaffte den letzten Rest von Poesie aus der Welt.» Aber im jahrelangen Umgang mit ebendiesem Adel stumpft die Begeisterung zusehends ab, und als die vier­bändigen «Wanderungen» vollendet sind, beteuert der Autor nachdrücklich, daß man dieses Werk völlig verkenne, wenn man daraus eine «Schwärmerei für Mark und Märker» ablesen wolle. Er hatte, wie er einmal an Mathilde von Rohr schrieb, im Verkehr mit Hof und Hofleuten ein Haar gefunden. Besonders die Briefe an Georg Friedlaender zeigen, wie die Liebe zu den märkischen Adligen immer empfindlicher abkühlt. Fontane versuchte aller­dings, seine kritisch gewordene, aber « als Untergrund immer noch vorhan­dene Adelsvorliebe» in ein «novellistisches Interesse» hinüberzuretten. Er begann, gleichsam zum Privatgebrauch, zwischen dem Adel als überlebter Kaste und einigen wenigen «entzückenden Einzelexemplaren» zu unter­scheiden, die ihn «als Kunstfigur» nach wie vor faszinierten.

Am 2. September 1890 setzte Fontane Georg Friedlaender seine kompli­zierte Position in der «Adelsfrage» mit folgenden Betrachtungen ausein­ander: «Der eigentliche Adel ... ist der Landadel, und sosehr ich gerade diesen liebe und sosehr ich einräume, daß er in seiner Natürlichkeit und Ehrlichkeit ganz besondre Meriten hat, so ist mir doch immer mehr und mehr klar geworden, daß diese Form in die moderne Welt nicht mehr paßt, daß sie verschwinden muß und jedenfalls, daß man mit ihr nicht leben kann. Man kann sich viertelstundenlang an diesen merkwürdigen Gewächsen er- freun, aber man kann es zu keiner Freundschaft und Übereinstimmung mit ihnen bringen. Meine rein nach der ästhetischen und novellistischen Seite hin liegende Vorliebe bleibt dieselbe, aber Verstand, Rechts- und Selbstge­fühl lehnen sich gegen diese Liebe auf und erklären sie für eine Schwäche. » Dieser Brief i«*- unmittelbar vor dem Beginn der Arbeit an den «Poggen- puhls» geschrieben, und er wirkt wie eine Selbstverständigung für diesen Roman

Gotthard Rrler