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Deutsche Rundschau.
der Furien verfolgt und geschreckt werden. Jeden quält seine eigene Bosheit am meisten; jeden schrecken seine bösen Gedanken und sein Bewußtsein, Gewissen. Noch deutlicher spricht Seneca: ein saesr Spiritus, eine heilige Regung, ein von der Gottheit stammender Zug der Seele wohnt in uns als ein Beobachter und Wächter über Gutes und Böses; wie wir ihn behandeln, so behandelt er uns. Eben damals schreibt Seneca's Zeitgenosse, der Apostel Paulus von Korinth an die Christen in Rom von den Heiden, die das Gesetz nicht haben und doch von Natur thun des Gesetzes Werk; die sich selbst ein Gesetz sind, indem sie zeigen, daß des Gesetzes Werk in ihre Herzen geschrieben ist, sintemal ihr Gewissen sie bezeuget, dazu auch die Gedanken, die sich unter einander verklagen oder entschuldigen. Seit jenen übereinstimmenden Aussagen des heidnischen Philosophen und christlichen Apostels sind achtzehn Jahrhunderte verflossen und unzählige Schriften, die von diesem Thema handeln, verfaßt worden; ich meine aber, daß dem Begriff des Gewissens gegenüber von den Meinungen von Seneca und Paulus etwas Wesentliches weder hinzugesügt noch genommen worden ist; ich darf daher darauf verzichten, die Geschichte des Worts und Begriffs auch noch durch Mittelalter und Neuzeit zu verfolgen und finde es an der Zeit von dem Wort und seiner zeitlichen Entwicklung zur Sache selbst überzugehen.
Hier muß ich mir nun erlauben, ohne nähere Begründung von der schon wiederholt an dieser Stelle dargelegten Auffassung unseres Seelenlebens auszugehen, wonach die treibende Grundkrast unseres gesammten bewußten und unbewußten inneren Lebens in einem Wollen besteht, aber nicht in einem ziel- und schrankenlos umherschweisenden Wollen, sondern in einem solchen, welchem durch eine Mehrheit von besonderen, unter sich specisisch verschiedenen, angeborenen Triebreizen, die sich im Gefühl als Regungen von Lust oder Unlust kundgeben und ausdrängen, die Richtungen auf bestimmte Ziele und Zwecke vorgezeichnet sind. Durch sie werden dem Jntellect als dem Ganzen unserer Erkenntnißkräfte die Ausgaben gestellt, die er zu lösen hat, und in allem unserem Denken, Fühlen und Thun ist nichts, dessen Entstehung nicht schließlich auf die menschlichen Grundtriebe und ihre mannigfaltigen Combinationen zurückzuführen wäre. Auch unsere höheren und höchsten Geistesthätigkeiten machen hievon keine Ausnahme. Es gäbe kein Wissen und keine Wissenschaft, wenn nicht ein Wissenwollen, ein Drang nach Erkenntniß in uns läge; es gäbe keine Lust am Schönen und keine Kunst, wenn wir nicht eine Empfänglichkeit und ein Verlangen besäßen, die Wirklichkeit zum anschaulichen Ausdruck ihrer idealen Bedeutung zu verklären; es gäbe keine Religion, wenn wir nicht ein dunkles Bedürfniß in uns fühlten, unser Ich zu geahnten allwaltenden Mächten, zu dem höchsten für uns Denkbaren in unmittelbare Beziehung zu setzen. Und so wäre auch kein Recht und keine Sittlichkeit möglich, Wenn nicht angeborene Keime dafür, wenn nicht ein sittlicher Trieb zu unfern Gattungsmerkmalen gehörte.
Es liegt darin zugleich der bestimmteste Widerspruch gegen die Ansicht derjenigen, welche mehr mit neuem Eifer und Erfolg als mit neuen Gründen Recht und Moral nur aus der geschichtlichen Erfahrung, aus der Wahrnehmung und Reflexion über das, was sich für das gesellschaftliche Zusammenleben als das Gemeinnützigste und Zweckmäßigste erweist, ableiten zu können glauben, als