Ueber die Lehre vom Gewissen.
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so könnte man erwarten, daß auch die Sprache wenigstens der geistig entwickelteren Völker schon früh zur Bildung eines Worts gelangt sein müsse, das eben dies dem Menschen eigenthümlichste, ihn von der Thierwelt am schärfsten abgrenzende Merkmal seines Seelenlebens bezeichnete. Gleichwohl trifft diese Ver- muthung nicht zu. Das alte Testament beschreibt zwar gleich in der Erzählung vom ersten Sündenfall genau und anschaulich eben das, was wir jetzt eine Function des Gewissens nennen, aber die hebräische Sprache kennt keinen Ausdruck für die innere Quelle dieser Vorgänge; und auch die uns überlieferten Reden Jesu enthalten kein in solchem Sinn deutbares Wort. Erst in den spätesten apokryphischen Schriften und in neutestamentlichen Briefen findet sich der volle Gebrauch des vorhin erwähnten, der griechischen Sprache entnommenen Ausdrucks.
Die verhältnißmäßig späte Entdeckung des psychologischen Begriffsworts läßt sich unschwer verstehen. Im orientalischen Alterthum herrscht die theo- kratische Gesellschaftsform, in welcher nicht nur Religion, sondern auch Recht und Sitte, das ganze öffentliche und Privatleben nicht als etwas menschlicher Willkür Entstammendes und Ueberlassenes, sondern als eine von der Gottheit geregelte, unverbrüchliche Ordnung erscheint, deren Ausleger und Wächter Priester oder Propheten sind. Im griechischen wie im römischen Alterthum ist zwar diese theatralische Grundanschauung mehr oder weniger durchbrochen und das politische wie gesellschaftliche Leben zur Ablösung vom Priesterthum und zu selbständigerer Gestaltung gelangt, aber in letzter Instanz werden doch auch hier die Grundlagen aller Gesittung, rechtlichen und socialen Ordnung auf den Willen der Götter, nicht aus die Forderungen eines sittlichen Bewußtseins zurückgesührt. Was wir jetzt ein böses Gewissen nennen, das war unter diesen Voraussetzungen die Furcht vor einem göttlichen Strafgericht; die inneren Vorgänge werden nach außen projicirt; die Erinnhen oder Furien verfolgen den Uebelthäter; das gute Gewissen hat die Form des Bewußtseins, den Göttern wohlgefällig zu sein.
Erst in späterer Zeit und auf griechischem Boden, als dort das Staatsleben bereits im Niedergang begriffen war, trat eine Kritik und allmälige Zersetzung der religiösen Voraussetzungen und Autoritäten ein und erstreckte sich auch auf die Ableitung der sittlichen Begriffe. Die Sophisten stellten jenen Satz auf, der den vollen Bruch mit allen überlieferten Anschauungen in sich schloß: der Mensch ist das Maß aller Dinge. Sokrates, wiewohl im Kampf gegen ihre radicalen, destructiven Theorien, und in der Meinung, den wahren Sinn der Gottheit zu deuten, machte doch selbst die menschliche Vernunft zum Sitz und Richter aller Sittlichkeit, wenn er die Tugend für ein Wissen, für die Erkenntniß des Besseren erklärt. Wie dann diese Verlegung der Quelle aller Moral in das Innere des Menschen sich weiter ausbreitete, wie zuerst in der griechischen Umgangssprache jenes unserem deutschen Gewissen entsprechende Wort entstand und bei den Philosophen, besonders den Stoikern und Philo, eine wissenschaftliche Fortbildung erfuhr, wie dann diese ganze Auffassung bei den römischen Denkern die geneigteste Ausnahme fand, kann ich hier nur flüchtig erwähnen. Cicero sagt: Glaubet nicht, daß wie ihr es in den Fabeln und aus dem Theater seht, diejenigen, welche gottlos und verbrecherisch gehandelt haben, durch die brennenden Fackeln