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Deutsche Rundschau.
philosophischer als von theologischer Seite. Aber man Wird kaum zwei Schriftsteller finden, die in der Definition und Auffassung des Begriffs ganz miteinander zusammenträsen. Die Abweichungen gehen so weit, daß aus der einen Seite von einem so namhaften Forscher wie Richard Rothe der Rath ertheilt wird, das Wort Gewissen bei seiner Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit lieber wenigstens aus dem wissenschaftlichen Sprachgebrauch ganz auszuscheiden und dafür die Namen der Theilbegrisse, die man darin zusammenfasse, einzeln zu verwenden, während andererseits noch hervorragendere Denker, wie Hermann Lohe und, wenn auch in abweichender Ausdrucksweise, Herbart die in den Gewissensaussagen empirisch gegebenen Billigungen und Mißbilligungen menschlicher Handlungsweisen zum Fundament für den ganzen Aufbau einer Sittenlehre machen.
Ich gedenke nun, die theologische Ethik, welche in die psychologische Frage das ihr fremde Element positiv religiöser Voraussetzungen einführt, ganz Lei Seite zu lassen, auch auf die Abweichungen der Philosophen unter sich nicht näher einzugehen und beschränke mich darauf, von eben den psychologischen Ausgangspunkten aus, die ich hier schon wiederholt als Schlüssel zur Lösung von Fragen der praktischen Philosophie zu benützen versucht habe, Ihrer Aufmerksamkeit und Prüfung einige Bemerkungen als Beiträge zur Lehre vom Gewissen vorzulegen.
Es ist üblich und selten werthlos, der Untersuchung eines Begriffs eine kurze Auskunft über den sprachlichen Ursprung und die Geschichte des Worts vorauszuschicken. Gewissen kommt nicht, wie man lange und allgemein geglaubt hat, von „gewiß" her, so daß das Merkmal der Untrüglichkeit namengebend gewesen wäre, ebenso wenig von weisen im Sinne von anweisen, was sich auf die Function des Befehlens beziehen würde. Es ist vielmehr das Zeitwort „wissen", das mit der Vorsilbe „Ge" zum Hauptwort erhoben wurde, und diese Vorsilbe Ge, mit der lateinischen Vorsilbe eo und eon auch sprachlich verwandt, hat hier ihre ursprüngliche Grundbedeutung von Mit, Zusammen, von etwas Begleitendem. Und wenn nun noch hinzukommt, daß die ältere Form weiblichen Geschlechts war und äis lautete, so wird um so einleuchtender, daß das Wort die
bewußte Nachbildung und Übersetzung der lateinischen eonseisntm war, die sich im Französischen eonseisnes und ähnlich in anderen modernen Sprachen erhalten hat und selbst Wieder die Uebertragung eines gleichbedeutenden griechischen Worts uE/örMs) war. Es hieß zunächst das Mitwissen, dann aber insbesondere das nach Innen gerichtete, die Vorgänge und Zustände der Seele begleitende Wissen oder das Bewußtsein, woran sich dann als dritte noch engere Bedeutung das Wissen von den Motiven und dem Werth unserer Handlungen oder das sittliche Bewußtsein anschloß. Unser deutscher Ausdruck beschränkte sich aus diese beste und engste Bedeutung des lateinischen Worts.
Da nun das Menschengeschlecht von seinem ersten Eintritt in die beglaubigte Geschichte an im Physischen wie im Geistigen mit den gleichen Grundkräften ausgestattet erscheint, da wir von keinen Anlagen oder Trieben wissen, die im Lauf der Jahrhunderte abhanden gekommen oder neu hinzugetreten wären, da es insbesondere keine Zeit und kein Volk gab, in welchem eine Unterscheidung von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, also ein sittliches Bewußtsein gefehlt hätte.