Heft 
(1891) 67
Seite
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Deutsche Rundschau.

gehörig, sie nach einem leitenden Gedanken in eine Reihe bringen und jedes an den Platz stellen, den ihm jener leitende Gedanke zuweist. Der sittliche Trieb geht demnach, und es ist dies das erste und wesentlichste seiner Merkmale, aus eine Herrschaft über die Triebe, durch welche jedem derselben sein Platz und das Maß seiner Geltung angewiesen wird; er setzt einen inneren Herrscher, eine einheitliche Centralkraft ein, die alles einzelne Handeln zu lenken und zu bestimmen beansprucht. Und daraus scheint es mir auch verständlich zu werden, wie sich uns jener sittliche Trieb nicht als ein Verlangen nach einer Ordnung, sondern als ein Gefühl der Unterwerfung unter ein Herrschendes, eines Sollens und Gebundenseins darstellen kann, obgleich dies erst das Abgeleitete ist.

Allein mit diesem sittlichen Trieb wäre nichts oder sehr wenig geholfen, wenn er bloß das Verlangen wäre, daß nur überhaupt irgend eine Ordnung, sei es welche es wolle, sestzustellen sei. Zu allem Ordnen gehört ein Princip des Ordnens, ein das Einzelne und Verschiedene je nach seinen besonderen Merk­malen unterscheidender, leitender Gedanke und Zweckbegrisf. Der menschliche Jntellect stünde aber rathlos vor der Ausgabe, ein solches Princip des Ordnens zu finden, wenn er es nur aus seinen eigenen Mitteln zu schaffen hätte; denn er ist für sich interesselos, übt stets nur seine logischen Functionen und ist keiner ursprünglichen, sondern nur abgeleiteter Werthurtheile fähig; so wenig der Ver­stand über den Wohlgeschmack einer Speise ohne den tatsächlichen Gaumenreiz etwas zu sagen wüßte, so wenig kann er über den Werth der Familienliebe, der Ehre, der Erkenntniß, der Schönheit, des Wohlwollens ohne die Anhaltspunkte der sie begleitenden, nach Art und Grad sehr verschiedenen Lustgefühle ein Urtheil fällen. Werthe und Werthunterschiede werden nur gefühlt, vom Verstand nicht erfunden, sondern bloß vorgefunden. Diese Gefühle sind nun zwar erfahrungs­mäßig keineswegs eindeutig, übereinstimmend, in festen Maßen begrenzbar, da die Stärkegrade der einzelnen Triebe nach Völkern und Zeiten, nach Alter, Ge­schlecht, Bildungsstufe, Individualität weit von einander abweichen; aber trotz dieser fließenden Grenzen muß man es doch als eine übereinstimmende und allgemein menschliche Grundanschauung bezeichnen, daß die sinnlichen Triebe, obwohl mächtig, aufdringlich und bis zu gewissen Graden zwingend, doch schon darum, weil wir sie mit der gesammten Thierwelt theilen, das Wesen und die Bestimmung des Menschen nicht ausmachen können, daß die Neigungen, die uns an unsere Nebenmenschen in mancherlei Formen und Abstufungen binden, die Reize des Wissens, der Einsicht, der ästhetischen Genüsse, der gläubigen Andacht, Wenn auch von weit schwächerem Andrang, doch von einem Gefühl ihrer edleren Abkunft und Qualität begleitet sind. Und so sind der Ausgleich der selbstischen Neigungen mit den gesellschaftlichen, die Unterordnung der Sinnlichkeit unter den Geist die beiden festen Grundpfeiler aller Sittlichkeit jederzeit gewesen und werden es immer bleiben.

Indem aber der Verstand an der Hand dieser ihm vom Gefühl vor­gezeichneten Werthunterschiede an die Aufgabe, nun eine Ordnung unseres Trieb­lebens zu suchen, herantritt, kann es nicht anders geschehen, als daß sich dabei die Natur seiner eigenen Functionen in eingreifender Weise geltend macht. Er muß die logischen Gesetze, die sein Denken beherrschen, auch auf das Handeln