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Deutsche Rundschau.
aber der all' die Zeit über auf ihm lastende Druck war im Verkehr mit einer liebenswürdigen englischen Familie, mit der er gemeinschaftlich eine Dependance des Tramontana-Hotels bewohnte, doch schließlich von ihm abgesallen und er hatte wieder leben und, was noch wichtiger, sich um das Leben Anderer kümmern gelernt. So waren Wochen vergangen, unter Wagenfahrten nach Amalsi und unter Bootfahrten nach Capri hinüber, wobei die Schiffer ihre Lieder sangen; aber die heiße Jahreszeit, die bald einsetzte, vertrieb ihn, früher als ihm lieb war, aus dem ihm zusagenden Idyll bis in die Schweiz hinaus, die es ihm diesmal freilich, so sehr er sie sonst liebte, nirgends ganz recht machen konnte: der Genfer See blendete zu sehr, der Rigi war zu sehr Karawanserei und Psäffers zu sehr Hospital. So beschloß er denn, weil's ihn, wenn nicht in die Heimath, so doch Wenigstens weiter nordwärts in die germanische Welt überhaupt zurückzog, es mit London zu versuchen, an das ihn freundliche Jugenderinnerungen knüpften und wohin ihn die mit ihm zugleich von Sorrent aus abgereisten englischen Freunde mit einer Art Dringlichkeit geladen hatten. Nach London also! Und da war er nun seit einem halben Jahr und empfand unter Verhältnissen und Lebensformen, die den schleswig-holsteinischen einigermaßen verwandt waren, so viel von Heimathlichkeit wie sie der Heimathlose gewärtigen konnte. Ja, die gesellschaftlichen Verhältnisse. konnten ihn befriedigen, und manches Andere kam hinzu, das Wohl angethan war, ihn von dem immer wachsenden Gefühl seiner Einsamkeit auf wenigstens Stunden und Tage frei zu machen. Eine kleine Theaterpassion, die schon in zurückliegender Zeit die Tage seiner Londoner Attach6schaft so angenehm gemacht hatte, wurde wieder lebendig, und das ganz in der Nähe von Tavistock-Square gelegene Prinzeß-Theater sah ihn regelmäßig aus einem seiner Parquetplätze, wenn der gerade damals mit seinen Shakespeare- Revivals epochemachende Charles Kcan heute den „Sommernachtstraum" oder das „Wintermärchen" und morgen den „Sturm" oder „König Heinrich VIII." in bis dahin unerhörter Pracht auf die Bühne brachte. Zu diesem Charles Kean trat er denn auch im Laufe des Winters in persönliche Beziehungen, und als er schließlich in dem von Künstlern und Schriftstellern vielbesuchten Hause des berühmten Tragöden auch noch die Bekanntschaft von Charles Dickens gemacht hatte, sah er sich, übrigens ohne deshalb seine dem Landadel angehörigen Freunde Sorrentiner Angedenkens vernachlässigen zu müssen, in allerlei Theater- und Literaturkreise hineingezogen, deren lebhaftes und von heiterster Laune getragenes Treiben ihn ungemein sympathisch berührte. Namentlich Dickens selbst war seine Schwärmerei geworden und bei Gelegenheit eines Whitebait-Dinners in Greenwich ließ er seinen neugewonnenen Freund leben, den großen Erzähler, von dem er zwar nur den „David Copperfield" kenne, der aber als Verfasser dieses Buches auch der Sanspareil aller lebenden Schriftsteller sei. Mehr von ihm zu lesen, wozu er von den übrigen Anwesenden am Schluß seines Toastes unter Lachen aufgefordert wurde, behauptete er ablehnen zu müssen, da Copperfield auch von Dickens selbst schwerlich übertroffen worden sei, weshalb ein weiteres Lesen eigentlich nur zur Herabminderung seiner Begeisterung führen könne.
Reunions wie diese, daran auch gefeierte Damen aus der Künstlerwelt, namentlich die schöne und vielumworbene Miß Heath und vor Allem die geniale Lady Macbethspielerin Miß Atkinson beinahe regelmäßig theilnahmen, waren