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Deutsche Rundschau.
eine heilige Elisabeth verheirathet zu sein. Und wenn sie noch die heilige Elisabeth wäre! Die war sanft und nachgiebig . . . „Aber nichts mehr davon," unterbrach er sich, „ich verbittere mich bloß wieder, statt mich ruhig und versöhnlich zu stimmen. Es ist besser, ich lese, was er schreibt."
Arnewiek, 27. Mai 61.
Lieber Holk!
Dein Geburtstag ist vor der Thür, und meine Glückwünsche sollen Dir nicht fehlen. Kommen sie einen Tag zu früh, wie ich fast vermuthe, so nimm es als ein Zeichen, wie dringlich ich es habe, Dir alles Beste zu wünschen. Ist es nöthig, Dir die Wünsche herzuzählen, die mich für Dich erfüllen? Sie gipfeln auch heute wieder in dem Einen, daß der Moment Eurer Aussöhnung nahe sein möge. Wohl weiß ich, daß Du dieser Möglichkeit mißtraust und Dein Mißtrauen aus dem Charakter Christinens zu begründen suchst. Und eine innere Stimme, die Dir zuslüstert, „daß ihre Haltung ihr gutes Recht sei," kann Dich in Deinem Mangel an Vertrauen allerdings nur bestärken. Aber es liegt doch günstiger. Du hast unter Deiner Frau Dogmenstrenge gelitten, und ich habe Christine, als an ernste Conslicte noch nicht zu denken war, liebevoll gewarnt, Dich nicht in ein auf Leineweber berechnetes Conventikelthum oder Wohl gar in eine Deiner Natur total widerstrebende Askese hineinzwingen zu wollen. Was darin von Anklage gegen Christine lag, das war berechtigt, und ich habe, um oft Gesagtes noch einmal zu sagen, weder Willen noch Veranlassung Etwas davon zurückzunehmen. Aber gerade in dieser ihrer Bekenntnißstrenge, darunter wir Alle gelitten, haben wir auch das Heilmittel. Ob ihre noch immer lebendige Liebe zu Dir, wie sie sich in ihren Briefen, oft Wohl gegen ihren Willen, zu erkennen gibt, die Kraft zu Verzeihung und Versöhnung besitzen würde, laß ich dahingestellt sein, ich sage nicht ja und nicht nein; aber was ihre Liebe vielleicht nicht vermöchte, dazu wird sie sich, wenn Alles erst in die rechten Hände gelegt ist, durch ihre Vorstellung von Pflicht gedrängt fühlen. In die rechten Hände, sag' ich. Noch kämpft es in ihr, und die brieflichen Vorstellungen unseres guten alten Petersen, der übrigens persönlich in seiner Zuversicht verharrt, haben bis zur Stunde wenig Erfolg gehabt, jedenfalls keinen Sieg errungen. Aber was dem alten rationalistischen Freunde, den sie so sehr liebt und den sie nur kirchlich nicht für voll ansieht, was unserem alten Petersen nicht gelingen wollte, das, denk' ich, soll im rechten Augenblick unserem seit vier Wochen zum General- Superintendenten ernannten Schwarzkoppen ein Leichtes oder doch wenigstens ein nicht Allzuschweres sein. An Schwarzkoppen, den ich in der letzten Woche beinahe täglich gesehen, Hab' ich mich mit der dringenden Bitte gewandt, die Sache, bevor er uns und unsere Gegend verläßt, seinerseits in die Hand nehmen zu Wollen, und da sich seine kirchlichen Ueberzeugungen mit seinen persönlichen Wünschen für Dich und Christine decken, so bezweifle ich keinen Augenblick, daß er da reüssiren wird, Wo Petersen bisher scheiterte. Wenn Schwarzkoppen schon immer entscheidende Instanz für Christine war, wie jetzt erst, wo der Arnewieker Seminardirector ein wirkliches Kirchenlicht geworden ist. Er ist nach Stettin, in seine heimathliche Provinz Pommern, berufen worden und wird uns Ende September verlassen, um am 1. October sein neues Amt daselbst anzutreten.