Heft 
(1891) 67
Seite
336
Einzelbild herunterladen

336

Deutsche Rundschau.

Denn Asta hatte sich während ihrer Pensionstage zu einer kleinen Virtuosin aus dem Clavier ausgebildet, was, seit sie zurück war, zu fast täglichen Begegnungen und Uebnngsstunden mit Elisabeth geführt hatte. Heute nun sollte dem inner­halb der nächsten Tage aus seiner Arnewieker Stellung scheidenden Schwarzkoppen zu Ehren mancherlei Neues zum Vortrag kommen, und als das Hin- und Her­laufen der Dienerschaften und das Geklapper des Theegeschirrs endlich ein Ende genommen hatte, begannen beide Freundinnen ziemlich hastig in der Musikmappe zu suchen, bis sie, was sie brauchten, gesunden hatten, nur zwei, drei Sachen, weil Holk alles Musiciren als eine gesellschaftliche Störung ansah. Das Erste, Was zum Vortrag kam, war ein Lied aus Flotow'sMartha", woran sich das Robert Burns'scheUnd säh' ich aus der Haide dort", unmittelbar anschloß, und als die letzten Zeilen auch davon unter allseitigem Beifall verklungen waren, kündete Asta der immer aufmerksamer gewordenen Zuhörerschaft an, daß nun ein wirkliches Volkslied folgen solle; denn Robert Burns sei doch eigentlich auch nur ein Kunstdichter.

Schwarzkoppen bestritt dies entschieden und sah sich dabei von Seiten Arne's unterstützt, der, in seiner Eigenschaft als Oheim, hinzusetzen durste:das sei so moderner Pensionsgeschmack," und einmal im Zuge, wär' er sicher noch weiter gegangen und hätte der derartig herausfordernden Bemerkungen noch mehrere gemacht, wenn nicht Holk im selben Augenblicke mit der wiederholten Frage, wie das vorzutragende Volkslied denn eigentlich heiße, dazwischen gefahren wäre.

Dies Lied heißt gar nicht," antwortete Asta.

Unsinn. Jedes Lied muß doch einen Namen haben."

Das war früher so. Jetzt nimmt man die erste Zeile als Ueberschrist und macht Gänsefüßchen."

Ja Wohl," lachte Holk.Gänsefüßchen; das glaub' ich."

Und nun schwieg der Streit, und nach einem kurzen Vorspiel Asta's begann Elisabeth mit ihrer schönen, dem Text wie der Composition gleich angepaßten Stimme:

Denkst Du verschwundener Tage, Marie,

Wenn Du starrst ins Feuer bei Nacht?

Wünschst Du die Stunden und Tage zurück,

Wo Du sroh und glücklich gelacht?"

Ich denke verschwundener Tage, John,

Und sie sind allezeit mein Glück,

Doch die mir die liebsten gewesen sind,

Ich wünsche sie nicht zurück ..."

Als dies Lied schwieg und gleich danach auch die Begleitung, eilten Alle, sogar Holk, auf den Flügel zu, um Elisabeth, die verlegen die Huldigungen in Empfang nahm, ein freundliches Wort zu sagen.Ja," sagte Asta, die sich des Triumphes der Freundin freute,so schön hast Dills noch nie gesungen." Alle wünschten denn auch die Strophe noch einmal zu hören, und nur Eine war da, die sich dem Wunsche nicht anschloß, weil ihr inmitten des allgemeinen Aufstandes nicht entgangen war, daß Christine, ganz so wie vor zwei Jahrm bei Vortrag des schwermüthigen Waiblinger'schen Liedes, den Salon in aller Stille verlassen hatte.

Die, die dies wahrnahm, war natürlich die Dobschütz, der zugleich ein Zweifel kam, ob sie der Freundin folgen solle oder nicht. Zuletzt entschied sie