Heft 
(1891) 67
Seite
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Briefe von Darwin.

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Käfers sagte, meinte ich, ich wüßte Alles, was irgend Jemand verlangen könne; und ich glaube, ich habe niemals die Freßwerkzeuge irgend eines Jnsects auch nur an­gesehen! Doch arbeitete ich wie ein Sklave beim Sammeln.

HensloUOs Gesellschaft hatte einen großen Reiz und Vortheil für mich, und seine Vorlesungen über Botanik gefielen mir sehr.

Meine ganze Jugend hindurch war ich versessen aus Sammeln. Mineralien, Muscheln, Pflanzen, Vogelbalge haben alle ihre Zeiten gehabt.

Gegen Ende meines Aufenthalts in Cambridge überredete mich Henslow, mit Geologie anzusangen.

Ich hatte immer sehr gern die Gewohnheiten der Vögel beobachtet, und White^s Naturgeschichte von Selborne hatte dadurch viel Einfluß aus meine Gedankenrichtung. Aber von allen Büchern haben Humboldt's Reisebeschreibungen bei Weitem den größten Einfluß gehabt. Ich las große Abschnitte immer wieder und wieder.

Ich hatte es fast erreicht, eine Gesellschaft zusammenzubringen, um nach den kanarischen Inseln zu reisen, als das Anerbieten, mit dem Beagle zu gehen, mir ge­macht und von mir freudigst angenommen wurde. Ich vermuthe jedoch, daß kein Mann schlechter vorbereitet als ich es war, außer als bloßer Sammler, je eine solche Reise angetreten hat. Ich wußte nichts von Anatomie und hatte niemals irgend ein systematisches Werk über Zoologie gelesen. Ich hatte nie ein zusammengesetztes Mikroskop berührt und hatte erst vor ungefähr sechs Monaten angefangen, mich mit Geologie zu beschäftigen. Aber ich nahin eine Fülle von Büchern mit und arbeitete so angestrengt, wie ich konnte, und zerlegte oberflächlich allerlei niedere pelagische Thiere. Da fühlte ich furchtbar den Mangel an Uebung und Kenntniß. Meine ^wissenschaftliches Er­ziehung begann thatsächlich an Bord des Beagle. Ich erinnere mich an nichts, was vorher fwissenschastliches Erziehung genannt zu werden verdiente, außer an einige chemische Experimentalarbeiten mit meinem Bruder, als ich Schulknabe war. Ohne Zweifel hatte fjedochs das Sammeln in so großem Maßstabe in so vielen Gebieten meine Fähigkeiten im Beobachten vervollkommnet.

Ich schrieb nie in meinem Leben so viel über mich selbst, und ich hoffe, es möge für Sie des Lesens Werth fein, aber ich zweifle.

Ich verbleibe, mein weither Herr, Ihr aufrichtig ergebener

CH. Darwin.

Ich weiß nicht, ob Ihnen daran gelegen sein wird, Auszüge aus meinen Briefen .zu sehen, welche Professor Henslow drucken ließ, doch sende ich ein Exemplar mit dieser Post.

Die in diesem Briefe mitgetheilte Notiz über Robert Waring Darwin bezieht sich auf meine Anfrage nach dem wahren Verfasser der von Goethe in seiner Geschichte der Farbenlehre ausführlich erörterten Ab­handlung über die subjectiven farbigen Nachbilder, dieAugengespenster" Goethe's. Der daselbst alsBluts- oder Namensvetter" des Verfassers bezeichnet Erasmus Darwin ist demnach der Vater desselben und zu­gleich an der Ausarbeitung wesentlich betheiligt, der Verfasser selbst der Vater des großen CH. Darwin. Er war praktischer Arzt und schriftstellerte nicht, während Erasmus, ein wahres Universalgenie, in seinerZoonomie" jene physiologische Arbeit vom Jahre 1785 wieder abdrucken ließ. Goethe kritisirt dieselbe scharf, will den AusdruckAugentäuschung" ein für allemal verbannt wissen, und be­merkt ausdrücklich:das Auge täuscht sich nicht; es handelt gesetzlich" u. s. W. Daß eine so originelle Abhandlung, Wie die genannte, nicht von dem 1766 ge­borenen Robert Waring Darwin allein verfaßt worden ist, wird schon durch das jugendliche Alter desselben höchst wahrscheinlich. Denn als sie erschien, zählte er