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Deutsche Rundschau.
kaum neunzehn Jahre. Ohne Zweifel ist Schopenh auer, der sie in seiner Schrift „Ueber das Sehen und die Farben" (1816) als wichtig anerkennt, bei Aufstellung feiner Theorie von der getheilten Thätigkeit der Netzhaut beim Farbensehen, stark von ihrem Inhalt beeinflußt worden. Leider geben hervorragende Denker und Forscher nur bisweilen oder nur auf Befragen bestimmt an, welche Bücher oder Abhandlungen auf ihre eigene Geistesrichtung am meisten, und welche andere garnicht auf dieselbe eingewirkt haben. Darin war Darwin, wie überhaupt in Betreff seines Bildungsganges, von einer seltenen Offenheit, welche dieser Bries aufs Neue bezeugt.
Das ihn fesselnde, in England in hohem Ansehen stehende Werk von Gilbert White „Die Naturgeschichte und die Alterthümer von Selborne" (bei Southampton) erschien zuerst im Jahre 1789 und dann in noch acht oder mehr Auflagen mit vielen Zusätzen, Abbildungen und einem Naturforscher-Almanach Im Jahre 1860 wurde in London eine besondere Ausgabe für jüngere Leser veranstaltet. Dieses Werk und Humboldt's Reisen haben einen mächtig anregendev Einfluß auf Darwin ausgeübt, wie auch aus einigen seiner Briefe an Ander» hervorgeht. Um das Jahr 1857 besuchte er selbst White's einstige Wohnung ir Selborne. Noch ein Jahr vor seinem Tode las er wiederum Bände von Humboldt's Werken, die er ein halbes Jahrhundert früher mit der größten Begeisterung studirt, stellenweise sogar abgeschrieben und bei Ausflügen Anderer vorgelesen hatte. Er und Hooker erklärten noch 1881 Alexander v. Hum boldt für den größten wissenschaftlichen Reisenden, der je gelebt habe. Darwir meinte aber, daß er ein wunderbarer Mann gewesen sei mehr durch eine An Näherung an Allwissenheit, als durch Originalität. Als er seine persönliche Be kanntschaft gemacht hatte, war er etwas enttäuscht. Er hatte seine Erwartunger zu hoch gespannt. —
Zwei in diesem Briefe erwähnte Fragen bedürfen noch der Erläuterung.
In Betreff des von sehr vielen verschiedenartigen Thieren in Krystallen er Haltenen rothen Blutfarbstoffs hatte ich theils neu gefunden, theils bestätigt, das bei völliger Identität des fpectralen Verhaltens, also der Farbe, in allen Füller doch andere Eigenschaften, Wie die Krystallisirbarkeit, Löslichkeit, Härte, Zu sammensetzung, verschieden sind, je nach der Thierart. Ich folgerte daraus, das wegen der Abstammung aller Säugethiere von einem Ursängethier, noch meh wegen der Abstammung aller Wirbelthiere von einem Urwirbelthier, außer de morphologischen Aenderung der Artcharaktere im Lause von unzähligen Gene rationen, auch eine früher nie berücksichtigte und noch heute ganz räthselhast chemische Aenderung wichtiger Stoffe im Thierkörper bei der allmäligen Ent stehung neuer Arten stattgesunden haben müsse. Beispielsweise haben das Meer schweinchen und das Eichhörnchen zweifellos ein und dasselbe Nagethier zum Vor fahren, und dieses kann, wie jedes rothblütige Thier, in seinem Blute nur einerll Art von rothem Blutfarbstoff gehabt haben; dennoch sind die hexagonalen Blut krystalle des Eichhörnchens von den rhombischen Sphenoiden ans dem Blute de Meerschweinchens wesentlich verschieden bei Identität der Farbe. Im Spectrur sind sie nicht von einander zu unterscheiden. Darwin interessirte sich für dies chemische und physikalische Verschiedenheit des bei allen Wirbelthieren den Sauer