Heft 
(1891) 67
Seite
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Briefe von Darwin.

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Fehlen der rudimentären Leiste constatiren konnte. Bei Letzteren fand ich fast aus­nahmslos sehr wohlgebildete Ohrmuscheln beiderseits, mit runden Ohrläppchen und glattem Tragus und Helix, und sie stehen bei ihnen nie weit vom Kopfe ab. Diese merkwürdige Korrelation ist sogar bei der physiognomifchen Beurtheilung verwerthbar. Bei gänzlich unmusikalischen Individuen fand ich die größten Schwankungen in Betreff der Größe, der Form, der Stellung und der erwähnten Besonderheiten. Bei mir selbst zeigte sich ferner die Betheiligung der Ohrmuschel am Hören als eine ganz un­bedeutende, indem zwar beim Hören sehr leiser Geräusche, etwa des Ticktacks einer Taschen­uhr in acht bis zehn Meter Entfernung nach Verklebung der ganzen Ohrmuschel mit Wachs oder dergl. und Einfuhren eines kurzen Glasröhrchens in den Gehörgang, ein in der Richtung von vorn geradlinig fortgeleiteter, eben noch hörbarer Schall nicht in so großer Entfernung erkannt wird als mit Betheiligung der Ohrmuschel, ihr also eine gewisse geringfügige Bedeutung als Reflector und Schallverstärker zukommt, aber dieses gilt nur für ganz leisen Schall. Dadurch kann ihr Schicksal, der Rückbildung ver­fallen zu sein, nicht aufgehalten werden. Die große Beweglichkeit des Kopfes ist beim Menschen an die Stelle der Beweglichkeit des Thierohres mit seinen zahlreichen activen Muskeln getreten. Auch die Vögel haben meist keine Ohrmuschel, aber einen sehr beweglichen Kopf.

Nicht durch die Spitze allein erhält, wie ich durch Zeichnungen in meiner Mit­theilung an Darwin erläuterte, das menschliche Ohr einen thierischen Charakter < Faune, Silene, Satyre, Teufel, Dämonen u. s. w. sind seit Jahrhunderten oft mit spitzen Ohren modellirt und gemalt worden sondern, wie ich durch vergleichende Messungen damals feststellte, auch durch die Stellung. Denn je weiter das Dreieck: Ohröffnung, Nasenwurzel (zwischen den inneren Augenwinkeln) und Kinnspitze von einem gleichseitigen abweicht, je höher namentlich der äußere Gehörgang hinaufrückt, um so unedler wird das Profil. Schon die Zunahme des Abstandes vom Ohr zur Kinnspitze verleiht ihm etwas Thierisches; sie fiel mir an den Darstellungen von Menschen im Profil auf altägyptischen Denkmälern besonders auf.

Ich sah auch an sehr alten mexikanischen Steinfiguren und an sorgfältig ge­meißelten Köpfen aus Centralindien (jetzt z. B. im Museum für Völkerkunde zu Berlin) die Ohrmuschel auffallend hoch stehen, auch wo von phantastischen Darstellungen oder Carricaturen nicht die Rede sein kann. Besonders deutlich fand ich aber an einem wohl erhaltenen tätowirten Menschenkopf aus Neuseeland und an drei Mumienköpfen von den Neu-Hebriden (in jenem Museum) die höhere Stellung der Ohrmuschel.

Uebrigens sind einige von den hier berührten Punkten inzwischen von anderer Seite untersucht worden, daher ich die von Darwin erwartete Abhandlung über den ganzen Gegenstand, welche auch frühere Beobachtungen Anderer über das Hören ohne Ohrmuschel kritisch beleuchtete, nicht ausgearbeitet habe. Der Physio­loge E. Ray Lankester, damals in Jena, besprach mit mir wiederholt die Deutung der Anomalien der menschlichen Ohrmuschel; aber seitdem sind so viele andere Spuren vergangener niederer Organisation beim Menschen entdeckt worden unverkennbare Stempel seiner unermeßlich langen Ahnenreihe daß sich nun kein so großes Interesse mehr im Darwinistischen Sinne an diesen Gegenstand knüpft, wie damals. Darwin schrieb noch darüber:

Southampton, 13. Mai 1871.

Mein werther Herr!

Ich bin Ihnen recht verbunden für Ihren interessanten Brief über die menschliche Ohrmuschel. Ich weiß gar nicht, was ich von der höheren Stellung des Ohres bei den alten Aegyptern denken soll; aber es ist offenbar ein der Aufmerksamkeit werther Punkt. Der Astronom Janssen schickte mir dieser Tage eine Nachricht, daß er etwas