Heft 
(1891) 67
Seite
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Briefe von Darwin.

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Nervensubstanz der Thiere sicher festgestellt. Denn es ist reizbar, pflanzt die Er­regung fort und löst Bewegungen aus. Es ist höchst empfindlich gegen Licht und Wärme, gegen Berührung und gewisse Chemikalien in enormer Verdünnung, sowie gegen elektrische Einwirkungen, und seine eigene elektromotorische Wirksamkeit ähnelt der der Nerven. Man sagt zwar nicht, daß der lebende Inhalt der Pflanzen­zelle riecht, schmeckt, fühlt und Licht und Wärme empfindet wie ein Thier, aber man nennt ihn doch empfindlich. Und wenn man dem Thier Be­wußtsein und Jnstincte, bei centralisirtem Nervensystem auch Selbstbewußtsein, zuschreibt, weil es empfindet, so kann dem Pflanzenprotoplasma ein niederer Grad von Bewußtsein und Jnstinct nicht abgesprochen werden, denn es verhält sich ebenfalls genau so als wenn es empfände.

Eine Veröffentlichung der Briefe, welche von Darwin in den Jahren 1832 bis 1835 an Professor Henslow gerichtet worden sind, und zwar von verschiedenen Punkten aus, die jener während der Erdumseglung mit dem Beagle berührte, bleibt für eine andere Gelegenheit Vorbehalten. Es liegen von diesen umfangreichen Briefen nur Auszüge vor, welche, wie bereits bemerkt wurde, als Manuscript auf des Adressaten Veranlassung in einer kleinen Anzahl von Exemplaren am 1. De- cember 1835 gedruckt wurden, weil einige der geologischen Notizen darin in einer Sitzung einer gelehrten Gesellschaft zu Cambridge am 16. November 1835 besonderes Interesse erregten. Die Aeußerungen Darwin's in diesen Briefen müssen, wie Henslow mit Recht bemerkt, als erste Einfälle eines Reisenden in Betreff dessen, was er sieht, betrachtet werden, ehe er noch Zeit hatte, seine Notizen mit der für wissenschaftliche Genauigkeit nothwendigen Aufmerksamkeit zu vergleichen und seine Sammlungen zu untersuchen.

Wenn man aber bedenkt, daß die Briefe von dem jugendlichen Forscher während der Reise selbst an Bord eines kleinen Schiffes oder unter sehr unbe­quemen Verhältnissen, nach Stürmen an der Küste geschrieben wurden, so wird man ihre Formlosigkeit dem Verfasser nicht verübeln. Ueberhaupt hat Darwin während seines ganzen Lebens sehr wenig bei Abfassung seiner Briefe auf die Form geachtet. Aber was er mittheilt, die vielen Entdeckungen, die er gemacht hat, die selbständigen Gedanken, welche sich ihm aufdrängten bei der Betrachtung der großartigen Gebirgswelt Südamerikas, der weite Blick, mit dem er ver­gangene und gegenwärtige Zeiten umspannte, die Kühnheit seiner Combinationen bei dem Versuche, das Unvermittelte in Zusammenhang zu bringen, diese in seltenem Maße ihm eigenen Gaben treten schon in diesen Tagebuchblättern in Briefform deutlich hervor. Es ist etwas ganz Außerordentliches, wenn ein drei- undzwanzigjähriger Insektensammler und Waidmann, welcher noch kurz vor seiner Abreise für das Studium der Theologie sich vorzubereiten begonnen hatte, die Entdeckung macht, daß der größte Theil des südamerikanischen Kontinents seit der Diluvialepoche dem Meere entstieg. Schon bei den Kap-Verdischen Inseln fiel ihm die Küstenerhebung auf, und die Leichtigkeit, mit der bei seinen Wanderungen durch die Anden der erst angehende Geologe und Paläontologe sich orientirte und die unmittelbaren Schlußfolgerungen aus seinen Beobachtungen am Prüfstein der Erfahrung erhärtete, ist wahrhaft genial.