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Deutsche Rundschau.
„Ist es nicht merkwürdig, daß eine Pflanze gegen Berührung bei Weitem empfindlicher sein soll als irgend ein Nerv des menschlichen Körpers? Doch bin ich vollkommen sicher, daß es wahr ist."
und 1862 an Hook er:
„Ich bin zu der Meinung geführt worden, daß Drosera eine der Nervensubstanz der Thiere ganz nahe verwandte Substanz in organischer Verknüpfung verbreitet enthalten muß.
„Bei Dionaea ist die Uebertragung augenblicklich; die Analogie mit Thieren würde aus eine Uebertragung durch Nervensubstanz Hinweisen.
„Ich kann die Schlußfolgerung nicht umgehen, daß Drosera eine der Nervensubstanz wenigstens bis zu einem gewissen Grade nach Constitution und Function analoge Substanz besitzt."
Endlich im Jahre 1871 an Asa Gray:
„Der Punkt, welcher mich am meisten interessirt hat, ist das Aussuchen der Nerven! die den Gesäßbündeln folgen. Durch einen Stich mit einer spitzen Lanzette an einer bestimmten Stelle kann ich die eine Halste des Blattes lähmen, so daß eine Reizung der anderen Hälfte keine Bewegung verursacht. Es ist gerade wie bei der Durchschneidung des Rückenmarks eines Frosches . . . Ich finde meine früheren Ergebnisse in Betreff der erstaunlichen Empfindlichkeit des Nervensystems (! ?) der Drosera verschiedenen Reizen gegenüber vollständig bestätigt und erweitert."
Alle diese brieflichen Aeußerungen wurden erst im November 1887 veröffentlicht.
Das Wort „Protoplasma" kommt in ihnen nicht vor. Aber durch die höchst bedeutsame, 1879 von Professor Karl Frommannin Jena gemachte Entdeckung von der Verbindung der einzelnen Pflanzenzellen miteinander mittelst Protoplasmasäden gewinnen sie einen festen Untergrund. Ich habe seit vielen Jahren bei verschiedenen Anlässen auf die außerordentliche Aehnlichkeit des Protoplasma in der Thier- und Pflanzenzelle bezüglich ihrer Empfindlichkeit hingewiesen und seit mehr als zwei Jahrzehnten die Nothwendigkeit, alle Pflanzlichen und thierischen Lebensvorgänge auf das Protoplasma zurückzuführen, bewiesen. Früher suchte man nach Nerven im Protoplasma der niedersten lebenden Wesen und der schon regelmäßig arbeitenden embryonischen Herzen im bebrüteten Ei und fand keine. Jetzt muß man nach Protoplasma in den Nerven der höheren und höchsten Thiere suchen. Ohne Zweifel ist das Innere, das Lebendige in ihnen, der Axenfaden, Protoplasmatischer Natur. Die alle lebenden Theile der Pflanze miteinander verknüpfenden feinsten Protoplasmafäden, welche die Beweglichkeit und Empfindlichkeit der pflanzlichen Insektenfresser ermöglichen, gleichen sunctionell den alle lebenden Theile der Thiere miteinander verknüpfenden feinsten Nervenfäden, welche die thierische Beweglichkeit und Empfindlichkeit ermöglichen. Der Gedanke Darwin's, von einem Nervensystem der Pflanzen zu sprechen, hat heute nach dreißig Jahren erst seine volle Berechtigung erhalten. Beide, Thiere und Pflanzen, haben sich aus Protoplasma entwickelt und sind durch eine ungleiche Art der Arbeitstheilung so verschieden geworden, daß man ihren gemeinsamen Ursprung nur durch die genaueste Untersuchung ihrer in allem Wesentlichen übereinstimmenden Protoplasmen erkennen kann. Durch derartige Experimentaluntersuchungen sind jetzt für das in einer nachgewiesenen organischen Coutinuität in den Pflanzen vertheilte Protoplasma bereits Eigenschaften der