Heft 
(1891) 67
Seite
391
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Zuvenal, der römische Satiriker.

Von

E. Hübner.

Eines Dichters inneren Entwicklungsgang zu verstehen und darzustellen, auch wenn hinreichend beglaubigte Nachrichten vorliegen über die äußeren Ereignisse seines Lebens, über die Kreise, in denen er sich bewegt, die Anregungen, die er empfangen hat, ist immer eine schwierige Aufgabe. Wie lange hat es gedauert, bis über viele der hervorragendsten Dichter unserer jüngsten Vergangenheit wirklich Glaubhaftes ermittelt worden ist, und wieviel ist hierin noch zu thun. Doppelt schwierig wird die Aufgabe, wo selbst die äußeren Umrisse eines Dichterlebens durch Ausscheidung des Unsicheren und Falschen aus der Ueberlieferung heraus­geschält werden müssen und so erst eine Grundlage zu schaffen ist durch Verbindung der sicher ermittelten Thatsachen untereinander und mit den anderweitig fest­stehenden geschichtlichen Ereignissen. Und doch ist die Lösung dieser Aufgabe die Vorbedingung für das wirkliche Verständniß. Handelt es sich um irgend eine der zahlreichen Aufgaben der Art, welche die Geschichte aller Literaturen uns stellt, oder um einen zufällig herausgerissenen Abschnitt der antiken griechischen oder römischen Literatur, so wird der Lösung solcher Ausgaben schwerlich all­gemeineres Interesse entgegengebracht werden. Die größten Probleme der Art, die homerische, die platonische Frage in der griechischen, die Entwicklungsgeschichte des Plautus in der römischen Literatur, sind so umfangreich und verwickelt, auch schon so oft in widersprechendster Weise behandelt worden, daß es als ein ver­gebliches Bemühen erscheint, durch eine kurze Darstellung die Theilnahme weiterer Kreise der Gebildeten ihnen zuzuwenden. Unter den römischen Dichtern ragen einige, wie Vergil und Horaz, in Folge der vermittelnden Weltstellung der römischen Literatur, gewisser Maßen noch in die Gegenwart hinein und bean­spruchen deshalb immer von Neuem weitgehende Aufmerksamkeit. Martial, über den jüngst in diesen Blättern gesprochen worden istH, darf als der vornehmste Vertreter einer nach ihm in alle modernen Literaturen übergegangenen Gattung seit Lessing den Anspruch erheben, von den Gebildeten nicht bloß dem Namen

i) Deutsche Rundschau, 1889, Bd. I.IX, S. 85 ff.