392
Deutsche Rundschau.
nach gekannt zu sein. Wie Martial der ausschließliche Dichter des Epigramms, so ist Juvenal der ausschließliche Dichter der Satire. Der moderne Begriff des Satirischen, der sich mit der von ihm gepflegten Gattung an sich nicht deckt, verdankt doch ihm in erster Linie seine Einführung in das allgemeine ästhetische Bewußtsein. Denn seine Vorgänger und Vorbilder sind entweder verschollen oder nicht ausschließlich Satiriker. Juvenal's Ruhm, seine Stellung in der Weltliteratur, sein Einfluß auf alle folgenden Literaturen liegt, ähnlich wie der des Martial, eben in jener Ausschließlichkeit der von ihm gepflegten Dichtungsart. Den weiteren Kreisen der Gebildeten ist er nur sehr oberflächlich bekannt. Ein Paar geflügelte Worte, deren Ursprung, wie es zu gehen Pflegt, den Wenigsten, die sie anwenden, bewußt ist, halten fast allein die Erinnerung an ihn lebendig. So das bittere ckitüeUs 68t 8atirani non seribore, es ist schwer eine Satire nicht zu schreiben; das Witzige Beispiel von den über Empörung sich beklagenden Empörern, den Gracchen; das xanenr 6t eire6N868, Brod und Spiele, als Bezeichnung des höchsten Ziels für die begehrliche hauptstädtische Menge. Wer aber der Dichter eigentlich war, was und wie er geschrieben hat, ist nur den klassischen Philologen und einigen Historikern bekannt. Auch in den gelehrten Kreisen geht das Wissen von ihm selten Weit über das Allgemeinste hinaus. Grade die Wichtigsten Daten, Geburts- und Todesjahr, Herkunft und Stand, die entscheidenden Thatsachen seines Lebens, der Wendepunkt seines Schicksals, der ihn zum Dichter machte, haben erst in allerjüngster Zeit durch neu erschlossene Quellen und richtigere Deutung des Ueberlieferten mit befriedigender Sicherheit sestgestellt werden können. Selbst die verbreitetsten Handbücher geben darüber noch Jrrthümliches oder Halbrichtiges. Nicht was schon einige Grammatiker des Alterthums über Juvenal's Leben aus allerlei mißverstandenen Aeußerungen in seinen Gedichten herausgeklügelt haben, ist als lautere Quelle für die Kenntniß seines Lebens anzusehen, sondern im Wesentlichen nur die Gedichte selbst. In ihnen liegt sein Leben offen da, wie das seines Vorbildes, des Lucilius, für den, der sie zu lesen versteht; deutlich, nach dem Wort des Horaz, wie auf einer Votivtasel gemalt. Dazu kommt noch ein inschriftliches Zeugniß von erheblichem Werthe und der aus den Heereseinrichtungen und der Staatsverfassung jener Zeit zu gewinnende Hintergrund. So darf der Versuch, aus Grund neuester, fremder und eigener Forschung den Menschen und Dichter dem Verständniß näher zu bringen, vielleicht auf die Theilnahme weiterer Kreise rechnen. Leider ist es nicht möglich, eine das Verständniß erleichternde Ausgabe des Dichters mit voller Zuversicht zu empfehlen, wie für Martial geschehen konnte. Wir haben zwar die jetzt in zweiter Bearbeitung vorliegende Ausgabe mit deutscher Einleitung und deutschen Anmerkungen von A. WeidnerH, aber sie entspricht nicht den Anforderungen, die man heute zu stellen berechtigt ist H. Der beste Text, mit den Erklärungen der alten Grammatiker, ist der von Otto Jahn und
9 I). lunii IUV6NLÜ8 8LtuE, erklärt von Andreas Weidner, Director des Gymnasiums zu Dortmund. Zweite umgearbeitete Auflage. Leipzig, B. G. Teubner. 1889.
2) Wie ich in einer Besprechung in der Wochenschrift für classische Philologie, Bd. VI, 1889, Nr. 49, 50, 51, in Uebereinstimmung mit allen anderen Beurtheilern nachwies.