Heft 
(1891) 67
Seite
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Juvenal, der römische Satiriker.

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BüchelerH. Eine gewaltige, aber doch nicht ausreichende Masse von Er­klärungen ist seit drei Jahrhunderten um den Dichter gehäuft worden, von Giovanni Britannico, Pithou und Rigault im sechzehnten und sieb­zehnten Jahrhundert an bis auf Madvig, Ruperti, Heinrich und Weber, Tenfsel und Ribbeck, sowie die neuesten englischen und französischen Erklärer und Herausgeber Mayor, Nettles hip und Boissier herab. llebersetzt ist der ganze Juvenal in das Französische sechzehn, in das Deutsche fünfzehn, in das Englische dreizehn, in das Italienische vier Mal; auch einige Male in das Dänische und Schwedische. Von den Uebersetzungen einzelner oder mehrerer Ge­dichte sehe ich dabei ab; ebenso von den freien Nachbildungen, wie der Boileau's. Ob und wie weit er den slavischen und anderen Sprachen näher gebracht worden ist, entzieht sich meiner Kenntniß. Unter den deutschen Uebersetzungen wüßte ich keine als besonders hervorragend zu empfehlen; am meisten entspricht noch ihrem Zweck die Hertz berg-Teuffel'scheO' Weit reicht der Einfluß Juvenal's als Vorbild für die satirisch-humoristische Dichtung in den modernen europäischen Literaturen. Mir ist nicht bekannt, daß dieser Einfluß schon einmal zusammen­hängend untersucht wäre.

I.

In dem herrlichen Thal des Liris, zwischen den Abhängen des Apennin und den westlich davor gelagerten Volskerbergen, an der latinischen Straße, die von Rom nach Capua und Neapel führte, liegt das alte Aquinum, noch heute Aquino, bekannt als die Heimath des heiligen Thomas von Aquino, einst eine der volkreichsten Latinerstädte, mit erheblichen Bauresten aus römischer Zeit. Dort ist Juvenal im Jahr 55 n. Ehr., dem zweiten von Nerws Regierung, geboren, etwa ein Jahr vor Tacitus und acht vor dem jüngeren Plinius, seinem vor­nehmen Zeitgenossen, fünfzehn Jahre später als Martial, der ihm persönlich nahe stand und bei aller Verschiedenheit in mancher Hinsicht geistesverwandt war. Wie dieser gehörte Juvenal den mittleren Ständen an. Sein Vater, Junius Juvenalis wie der Sohn genannt, war ein in seiner Heimath nicht unbegüterter Mann, vielleicht aus unfreiem Stande hervorgegangen, wie einst der Vater des Horaz, aber selbst schon, wie jener, freigeboren. Doch scheint sich auch hier, wie bei Horaz, allerlei dem Dichter nachtheiliges Gerede an seine Herkunft geknüpft zu haben, dessen Begründung sich unserer Beurtheilung entzieht. Seine Mutter hieß Septumuleia; eine nach ihr genannte Schwester des Dichters heirathete den Fuscinus, an den die vierzehnte Satire gerichtet ist. Schon als Kind ist Juvenal nach Rom gekommen und hat, obgleich in heimathlicher Einfachheit erzogen, den Glanz und die Schrecken der neronischen Herrschaft empfunden. Zum Heeres­dienst ausgehoben, hat er dann nach altem Brauch der italischen Bürger- und Bauernschaft in einer der römischen Legionen gedient. Genauere Nachrichten über seine Jugendjahre liegen zwar nicht vor, aber in seinen Gedichten spiegelt sich

1) ?6i' iblueoi, O. luuü luvenalis, Lulpioiuo 83turu6, rocognovit Otto 4u1in, oäitio Leitern, 6urg.ni ÄH'oiits 1^3.061800 Luoolietor. Berlin, Weidmann'sche Buchhandlung. 1886.

2) In der Stuttgarter Sammlung von Uebersetzungen der Klassiker in drei Bändchen 1864 bis 1867 erschienen.